Neue Theorie über Altersunterschiede

14. Juni 2006, 11:34
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Frauen werden älter als Männer, altern aber schneller - Dies sei evolutionsbiologisch erklärbar

Washington/Wien - Männer in Industrienationen leben im Schnitt sieben Jahre weniger als Frauen. Bisher dachte man, dies liege in erster Linie daran, dass Männer von Natur aus schneller altern. Weit gefehlt, schreiben jetzt US-ForscherInnen um den Biologen Brent Graves von der Northern Michigan University im American Journal of Human Biology.

Die ForscherInnen durchforsteten verfügbare Literatur zum Thema Altern und kamen dabei zum überraschenden Ergebnis, dass die Frau schneller altert. "Die Lebenserwartung hängt von vielen unterschiedlichen Faktoren ab, sodass eine geringere Lebenserwartung nicht zwingend heißt, dass Männer schneller altern", erläutert Graves. So verlieren Frauen tendenziell ihre Sehfähigkeit früher und werden in einem jüngeren Alter als Männer gebrechlich. Allgemein sind Gesundheitszustand und Leistungsfähigkeit bei älteren Männern häufig besser als bei gleichaltrigen Frauen.

Evolutionsbiologisch erklärbar

Dass Männer früher altern als Frauen sei auch nicht im Sinn der Natur, denn der Mann kann biologisch länger für Nachwuchs sorgen, als die Frau fruchtbar ist. Da die Fortpflanzung und das Großziehen der Kinder bei der Frau - evolutionsbiologisch - nach den Wechseljahren abgeschlossen sei, bestünde für die Natur kein Grund mehr, sie bei bester Gesundheit zu halten. Also, urteilen die ForscherInnen, müssten Frauen eher schneller altern als Männer. Allein: "Männer haben ein viel risikofreudigeres Verhalten, das sich in den höheren Sterberaten bemerkbar macht", sagt Graves.

In der Altersgruppe der 15-bis 25-Jährigen liegt die Todesrate der Männer dreimal so hoch wie die der Frauen - vor allem Unfälle und Gewalt sind die Ursache. Und wieder einmal sei es das männliche Sexualhormon, das dem Mann zum Verhängnis werde: Testosteron mache ihn risikoreicher beim Kampf um die Frau oder beim Umgang mit der eigenen Gesundheit. Auch seien Männer eher Alkohol und Zigaretten zugeneigt - ein Eigentor, denn Testosteron schwächt nachweislich das Immunsystem des Mannes und macht ihn so ohnehin anfälliger.

Andere Erklärungen

Doch nicht alle KollegInnen teilen Graves Theorie. Reinhard Stindl von der Medizinischen Universität Wien etwa meint, dass Lebensstil und hormonelle Unterschiede als Erklärung für die verschieden hohe Lebenserwartung einer kritischen Analyse nicht standhalten würden. Denn obwohl Frauen den ungesunden Lebensstil von Männern immer mehr kopierten, habe sich der Abstand in der Lebenserwartung weiter vergrößert.

Der Wiener Biologe und andere halten es eher für wahrscheinlich, dass Männer im Vergleich zu gleichaltrigen Frauen kürzere "Telomore" besitzen. Diese Endstücke der Chromosomen des Erbguts gehen bei Zellteilungen immer weiter verloren. Da Männer einen größeren Körper hätten, der deutlich mehr Zellteilungen erfordere, sei das Regenerationspotenzial von Männern eben schneller am Ende. (DER STANDARD, Printausgabe 14./15.06.2006)

Von Andreas Grote
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    Frauen leben im Schnitt sieben Jahre länger als Männer.
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