Gender, Gesellschaft, Kommunikation

14. Juni 2006, 11:41
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Eva Flicker, feministische Wissenschafterin, nimmt Medieninhalte unter die Lupe

Eva Flicker begegnet ihren Studienobjekten täglich vom Aufstehen bis zum Schlafengehen. Medien wie Radio, Fernsehen, Plakate und Internet vermitteln "uns zum Teil irreführende Bilder über die Welt und die Gesellschaft, in der wir leben, über Werte, Normen und Idealkonstruktionen".

Im Fokus der Mediensoziologin liegen Kinder und Jugendliche, die durch die bunte Bilderwelt "zum Teil unrealistische Vorstellungen über Erwachsenenleben, Beziehungen, Leistung und Erfolg" entwickeln. Ihr Forschungsinteresse am Institut für Soziologie der Uni Wien gilt Medieninhalten, aber auch Produktionskontexten und Wirkungen. Reality-Shows wie "Taxi Orange" oder "Expedition Österreich" hat Flicker bereits untersucht, die eigene aktive Videoarbeit - außer für Familienvideos - einige Zeit beiseite gelegt. Sie möchte jedoch wieder anknüpfen "im Bereich der visuellen Soziologie".

Zwei Projekte gleichzeitig

Derzeit arbeitet sie, wie immer, an mehreren Projekten gleichzeitig: einem über Geschlechterverhältnisse in den Informationsmedien anhand von weiblichen Politikerinnen; einem zur Darstellung von Wissenschafterinnen in Spielfilmen der vergangenen 70 Jahre; und einem Schulprojekt über lehrer- und hierarchiefreie Kommunikation in altersgemischten Peergroups. Als feministische Wissenschafterin hat sie stets "einen Blick auf Geschlechterverhältnisse in der Gesellschaft, die Konstruktion von Rollen und kulturelle Differenzen". Sie engagiert sich dafür, dass Wissenschaft nicht mehr als männliche Berufung gestaltet wird, "denn gerade berufstätige Mütter sind gewöhnt, effizient zu arbeiten und logistisch-organisatorische Meisterwerke zu vollbringen".

Die 1963 Geborene entschied sich für Publizistik und Soziologie, weil sie interessiert, "wie Menschen ihr Leben leben, miteinander umgehen, wie Gesellschaft organisiert oder Herrschaft und Macht verteilt sind". Die Universitätsdozentin und Gruppendynamik-Trainerin über ihre Arbeit: "Ich kann täglich Neues lernen, selbstverantwortlich forschen und bin umgeben von neugierigen Menschen." Wertvoll dabei sind auch Netzwerke feministischer Wissenschafterinnen, die sie "als besonders innovativ, interdisziplinär und kooperativ" empfindet. Die Gesellschaftsforscherin wünscht sich, dass Arbeit an und für Gleichstellung "politisch eingefordert, mitgetragen und bezahlt wird. Es geht um die konkrete Umverteilung von Macht, Einfluss und Geld."

"Buben brauchen männliche Vorbilder"

Im Bildungssystem muss "Genderkompetenz als soziale Kompetenz vermittelt werden. Buben brauchen männliche Vorbilder im Alltag und Ermutigung, mit Mädchen kommunikativ in Beziehung zu treten. Letzteren wird oft irreführend suggeriert, sie müssten mehr Qualifikationen ansammeln, um beruflich gleichgestellt zu werden." Die Soziologin will bewusst machen, dass "Geschlechterverhältnisse in der Gesellschaft veränderbar sind". Ihren Forschungsgegenstand nimmt sie mit hoch entwickelten Interviewmethoden, Inhalts- und Diskursanalysen unter die Lupe. Die Finanzierung für unabhängige Medienforschung "sieht allerdings nicht rosig aus", so die Wissenschafterin, weshalb sie sich vorstellen kann, ihr zweites Forschungsgebiet Organisationssoziologie mittels Auftragsforschung zu verstärken.

Das Leben mit ihren beiden Töchtern ermöglicht "wohltuende Bodenhaftung und eröffnet Einblicke in Jugendkultur". Ihr selbst fiel der Wiedereinstieg nach kurzen Karenzpausen nicht schwer. Der Spagat zwischen Familie, Erwerbs- und Hausarbeit gelingt ihr gemeinsam mit ihrem Mann durch konsequentes "halbe-halbe". Die ausgebildete Ski-und Surflehrerin nutzt freie Zeit zum Lesen, Schlafen, Laufen sowie zum Segeln, Freundinnentreffen, Arbeit im Garten und Malen. (DER STANDARD, Printausgabe 14./15.06.2006)

Von Astrid Kuffner

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www.mediashop.at
  • Eva Flicker
    foto: der standard
    Eva Flicker
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