Wettlauf nach Bratislava in 35 Minuten

23. Juli 2006, 18:38
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17 Jahre nach dem Fall des Eisernen Vorhangs werden die Verkehrsverbindungen nach Bratislava ausgebaut

Wien/Bratislava – „Mit dem Läuten der Schiffsglocke des Twin City Liner wird auch eine neue Etappe der Beziehungen zwischen Wien und Bratislava eingeläutet.“ Wirtschaftsstadtrat Sepp Rieder (SP) nahm die am Mittwoch stattfindende Taufe des Katamarans und die anschließende Fahrt von Bürgermeister Michael Häupl zum Anlass, Zwischenbilanz über die seit 2000 laufende Twin-City-Kooperation zu ziehen.

Rund 50 interregionale Projekte in den Bereichen Infrastruktur, Arbeitsmarkt sowie Wissenschaft und Forschung seien in der ersten Phase eingeleitet worden, jetzt gehe es um eine geordnete, gemeinsame „Stadt-zu-Stadt“-Strategie auf der Ebene der Verwaltung. Auch die ÖBB will im Wettlauf gen Osten nicht zu spät kommen und lädt, ebenfalls am Mittwoch, zu einer Fahrt nach Bratislava, um „die nächsten Schritte der Attraktivierung“ der Städteverbindung zu präsentieren.

35 Minuten Fahrzeit

Nach vielen Jahren der stiefmütterlichen Behandlung scheint nun Dynamik in die verkehrstechnische Verbindung der mit einer Distanz von rund 80 Kilometern am nächsten zusammenliegenden EU-Hauptstädte zu kommen: Am Dienstag stellte der Präsident der Wiener Industriellenvereinigung (IV), Albert Hochleitner, gemeinsam mit Verkehrsstaatssekretär Helmut Kukacka (VP) die geplanten Infrastruktur-Maßnahmen vor. Ziel ist die Errichtung eines Ringsystems, das Wien und Bratislava bis 2012 sowohl auf Schiene als auch auf der Straße jeweils nördlich und südlich der Donau verbindet. Damit werde die Fahrzeit auf rund 35 Minuten verkürzt.

Mit der in Bau befindlichen A6, welche von der A4 zum Grenzübergang Kittsee führen wird, entsteht bis Ende 2007 die erste durchgehend hochrangige Straßenverbindung. Im Norden soll ab 2010 mit dem Bau der Marchfeldschnellstraße (S8) begonnen werden, die den Nordostring der S1 mit dem Bratislavaer „O-Ring“verbinden wird.

Elektrifizierung der Bahnstrecke

Was die Schienenverbindung betrifft, soll in einem ersten Teilprojekt bis 2008 die Modernisierung und Elektrifizierung der bestehenden Strecke von Gänserndorf über Marchegg und den Automobilcluster Devinska Nova Ves bis Bratislava erfolgen. Demnächst beginnen die Umweltverträglichkeitsprüfungen für die Elektrifizierung der Strecke zwischen Wien nach Marchegg, die ab 2008 in Angriff genommen werden könnte.

Südlich der Donau soll bis 2011 eine 12 Kilometer lange Hochleistungsstrecke (Götzendorfer Schleife) den Flughafen Wien mit der Ostbahn verbinden, was eine direkte Schienenverbindung zum Flughafen Bratislava ermöglicht. Daneben wird der Ausbau der Donau als ganzjährige Wasserstraße angestrebt.

„Wenn die Donauquerung bei Bratislava nicht ausgebaut wird und die Bahnverbindung über den Marchegger Ast nicht vollständig zweigleisig geführt wird, kann die Fahrzeit von 35 bis 40 Minuten nicht eingehalten werden,“ kritisiert die SPÖ-Nationalratsabgeordnete Ruth Becher. Zudem sei das Projekt „in keinster Weise“ finanziell bedeckt. Die ÖBB verhandelt derzeit mit dem Finanzministerium über die Finanzierung des 110 Millionen Euro teuren Vorhabens. Laut Kukacka gibt es aber einen „breiten Konsens“. Eine alte Idee des Grünen Gemeinderats Christoph Chorherr hat die IV wieder aufgegriffen: Laut Präsident Hochleitner wurde eine Arbeitsgemeinschaft zur Verlängerung der Transsibirischen Eisenbahn nach Bratislava eingerichtet. (Karin krichmayr, DER STANDARD Printausgabe, 14./15.06.2006)

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    grafik: bmvit
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