"Das Geld gehört in die Kunst!"

14. Juni 2006, 13:06
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"Sexy!" - Matthias Hartmann im STANDARD-Interview über programmatische Eckpunkte

STANDARD: Sie standen vor ein paar Monaten vor dem Zürcher Schauspiel am Pfauen und äußerten im TV-Interview: "Das Burgtheater ist sexy!" War zu diesem Zeitpunkt schon klar, dass Sie Burgdirektor würden?

Hartmann: Nein, da war noch gar nichts klar.

STANDARD: Aber Ihre Aussage hat in Zürich immerhin für einen Affront gesorgt?

Hartmann: Das kann einem doch niemand negativ auslegen, dass ich ein Theater mit dieser wunderschönen Strahlkraft würdige! Die ja auch gelobt wird. Das sage ich umgekehrt doch auch: Es gibt diese wunderbaren Schiffbau-Hallen in Zürich, in denen ich Theatererzählformen vollkommen neu erfinden kann.

STANDARD: Umgekehrt bespielen Sie an der Wiener Burg drei sehr unterschiedliche Spielorte. Unter den Bedingungen des derzeit gedeckelten Budgets sehen Sie damit doch prekären Zeiten entgegen.

Hartmann: Das wird ein Thema, ja. Das lasse ich auf mich zukommen - ich will erst in aller Ruhe recherchieren. Man muss allerdings in einem Betrieb, der so strukturiert und organisiert wird wie das Burgtheater, gucken, ob da noch irgendwo "Luft" drin ist. Ich kenn's ja noch nicht. Der Betrieb ist ja bereits effizient: Es kann also gar nicht sein, dass irgendwo Geld fehlt - das Geld muss nur in die Kunst geleitet werden.

STANDARD: Das wirft die Frage nach der künftigen Ensemblegröße auf.

Hartmann: Das Burgtheater verfügt über unbeschreibliche Zuschauerzahlen! Da muss man viele Schauspieler haben - sonst kann man sich einen solchen Spielbetrieb gar nicht leisten.

STANDARD: In Zürich hatten Sie es vielleicht leichter - Sie folgten der künstlerisch hochwertigen Intendanz Christoph Marthalers nach, der ein kaufmännisches Chaos hinterließ. In Wien beerben Sie Klaus Bachler. Liegt da die Latte des Erfolges nicht ungleich höher?

Hartmann: Marthaler hat zwar ein Publikum komplett "hinausgeschmissen" - aber dafür ein anderes geholt. Das wollten wir wiederum nicht verlieren, sondern wir wollen das alte zurückhaben.

Insofern war das ein Problem - und zugleich eine Chance. Darin liegt ja gerade auch die unerhörte Möglichkeit des Burgtheaters: Wenn hier etwas künstlerisch schief geht, verlassen die Menschen deswegen nicht sofort ihr Theater und werden ihm untreu. Sie werden voller Neugier zugucken!

STANDARD: Werden Sie Ihren "Lieblingsautor" Botho Strauß für eine Mitarbeit gewinnen?

Hartmann: Wenn ich etwas dazu tun kann - und er ist immer wieder schwer zu motivieren -, dann würde ich alles dafür tun. Alles, was ich in meiner Jugend über Politik, die Liebe, das Leben gelernt habe, bezog ich aus seinen Büchern. Wenn ich ihn überreden könnte . . .

STANDARD: Ihre Meinung zur Heine-Preisvergabe an Peter Handke?

Hartmann: Ich habe einen großen Respekt vor Menschen, die antizyklisch denken. Wenn alle im Mainstream unterwegs sind, macht mich das meistens skeptisch. Wenn ein Mensch, dem ich so viel Achtung entgegenbringe wie Handke, plötzlich Gedanken denkt, die ich nicht mehr verstehe, nehme ich mir fest vor, ihn zu treffen. Im Übrigen finde ich, dass er für sein Werk geehrt werden soll, nicht für seine politische Haltung. (Ronald Pohl, Thomas Trenkler/DER STANDARD, Print-Ausgabe, 14./15. 6. 2006)

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    foto: standard/cremer
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