Alfred Brendel im STANDARD-Interview: Der Interpret als Rollenspieler

13. Juni 2006, 19:30
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Der Pianist über seinen großen Respekt vor Mozart, den unterschätzten Haydn, den Humor in der Musik und Irrwege bei der Interpretation

STANDARD: Herr Brendel, Sie zeichnen sich durch ein skrupulöses Verhältnis zum Notentext, aber auch durch einen ausgeprägten Sinn für Humor aus. Wie verhält sich die ernsthafte Haltung gegenüber den Werken, die Sie spielen, zur ironischen Distanz, mit der Sie, vor allem in Ihren Texten, über Ihr Tun reflektieren?

Brendel: Man darf die Haltung einiger meiner Gedichte nicht mit der Art, wie ich mich selbst beobachte, verwechseln. Übrigens interessiert mich Selbstbeobachtung nicht besonders, und ich werde sicherlich keine Autobiografie schreiben. Ich beobachte aber die Welt mit absurdem Resultat. Wenn ich Distanz zu mir selber habe, dann, weil ich mich nicht allzu ernst nehme.

Im Hinblick auf Musikstücke, die ich spiele, ist eine ironische Haltung fehl am Platz. Ich stecke nicht in erster Linie nach Brecht'scher Art verfremdend neben der Rolle, die ich spiele, sondern in der Rolle. Das Rollenspiel gehört zur Interpretation, jedes Stück hat einen anderen Charakter, in den man sich verwandeln muss. Gegen Ironie habe ich wenig, sehe sie aber nicht als das beherrschende Prinzip.

STANDARD: Wäre es ein Missverständnis, Ihre literarischen Miniaturen als Ventil für Energien zu betrachten, die Sie als Pianist vielleicht weniger freisetzen können? Könnte man den anarchischen Gestus mancher Texte auch als Reaktion auf die festgelegten Regeln des Konzertpodiums verstehen?

Brendel: Ich glaube schon, dass Sie da Recht haben, dass meine Gedichte etwas freilegen. Es ist aber ein ganz anderer Vorgang: Wenn ich Stücke von Komponisten spiele oder Essays über Musik schreibe, dann tue ich etwas Gezieltes, ich weiß, was ich tun möchte, und versuche, das möglichst gut zu tun. Wenn ich Gedichte schreibe, dann schreiben die Gedichte sich sozusagen selbst und überraschen mich mit dem, was herauskommt. Das ist ein diametral entgegengesetzter Vorgang.

Mit den Werken der Komponisten anarchisch zu verfahren, wäre verfehlt. Man soll sie ja nicht zerstören oder zerstückeln, sondern möglichst intakt aufrichten. Allerdings darf, um ein schönes Wort von Novalis zu verwenden, das Chaos gelegentlich durch den Flor der Ordnung schimmern.

STANDARD: Was am Beruf des Konzertpianisten im Speziellen und am Kulturbetrieb im Allgemeinen finden Sie fragwürdig, lächerlich, absurd?

Brendel: Da habe ich eine ganze Liste. Ich finde es fragwürdig, wenn Pianisten die Stücke, die sie spielen, dazu benützen, sich selbst histrionisch darzustellen, oder die Noten als bloßes Rohmaterial ansehen, mit dem man etwas Unerwartetes und Abweichendes darstellt. Das geht ins Absurde und betrifft ebenso Schauspieler wie Operninszenierungen. Ich finde es aber auch fragwürdig, wenn Interpreten am Notentext kleben und nur das reproduzieren, was in den Noten steht, ohne zu ahnen, dass man die Zeichen beleben muss.

Wenn man Mozart als Beispiel nimmt, gibt es darunter Stücke, die fast übergenau bezeichnet sind, andere, in denen gar nichts steht, und solche, die nur hier und da ein Vortragszeichen haben. Es gibt Interpreten, die dort, wo nichts steht, nichts machen. Bei der c-Moll-Fantasie gibt es einen noch zu Mozarts Zeiten erschienenen Erstdruck, in dem verschiedene Vortragszeichen stehen, und es gibt das vor nicht langer Zeit aufgefundene Autograf, in dem viel weniger Vortragszeichen drin sind. Es gibt für mich keinen Grund zu glauben, dass die Vortragszeichen des Erstdrucks nicht von Mozart stammen, da sie sehr stark seinem Stil entsprechen.

Ich finde es fragwürdig, wenn junge Talente kommerziell hochgejubelt werden, die dann nach ein paar Jahren wieder verschwinden. Und ich finde es fragwürdig, wenn junge Leute gleich die wichtigsten Werke des Repertoires aufnehmen dürfen. Hier allerdings eine Einschränkung: Der elfjährige Menuhin soll nach Aussage wichtiger und kritischer Musiker das Beethoven-Violinkonzert vollendet gespielt haben - ich wäre dankbar, wenn ich eine Aufnahme davon hätte.

STANDARD: Liegen der Werkauswahl Ihres Soloabends im Musikverein ironische Überlegungen zugrunde? Was passiert mit der epischen Entrücktheit von Schuberts G-Dur-Sonate oder der pathetischen Tiefe von Mozarts c-Moll-Fantasie, wenn sie der prägnante Humor Haydns umrahmt?

Brendel: Ich habe dieses Programm nicht besonders ironisch gemeint, man erkennt aber den Charakter der ernsten Werke, die im Zentrum stehen, viel deutlicher durch den Kontrast mit den Werken, die sie einrahmen. Und ich schätze den Ernst und den Scherz, die Tragödie und die Komödie ebenso hoch, besonders hoch die Kombination beider bei Shakespeare. Auch in meinen Gedichten gibt es die Verbindung von Sinn und Unsinn. Das ist aber etwas, was ich nicht künstlich hervorrufen will, sondern was sich einfach einstellt.

Zu Ihrer Charakterisierung Schuberts möchte ich hinzufügen: Die G-Dur-Sonate ist alles, lyrisch, episch und dramatisch. Der Anfang ist besonders lyrisch, die Breite der Entwicklung ist episch, aber die Durchführung gehört zum Dramatischsten, was man bei Schubert finden kann, und auch im zweiten und vierten Satz gibt es starke Kontraste.

STANDARD: Warum haben Sie sich Mozarts Solo-Klavierwerken vorsichtiger genähert - Sie sagten einmal "mit weniger Selbstvertrauen" - als seinen Konzerten?

Brendel: In Mozarts Klavierwerken ohne Orchester liegt jeder Ton bloß. Diese Art von sparsamer Meisterschaft ist so anspruchsvoll, dass man ihr kaum gerecht werden kann, es ist wesentlich anspruchsvoller, sie halbwegs anständig zu spielen, als die Klavierkonzerte - da ist man immer noch eingebettet. Es gibt das berühmte Wort von Artur Schnabel, das genau den Sachverhalt trifft: "Zu leicht für Kinder und zu schwierig für Künstler." Aber ich dachte, als ich älter wurde, wenn ich das jetzt nicht spiele, ist es zu spät, ich will es noch versuchen.

Stücke wie die c-Moll-Fantasie und das a-Moll-Rondo gehören für mich zum Allerhöchsten in der Klaviermusik und in Mozarts eigenem Schaffen. Es gibt bei Mozart sehr wenige instrumentale Moll-Werke, diese sind hauptsächlich für das Klavier - also für sich selbst - geschrieben und ganz anders komponiert. Sie drücken auch etwas völlig anderes aus als die Dur-Werke - das gibt es sonst bei Komponisten kaum. Er ist wirklich ein anderer Komponist, wenn er in Moll komponiert, in den Klavierkonzerten sogar formal und strukturell.

STANDARD: Sie setzen sich für Haydn ein. Warum steht er im Schatten der beiden anderen Wiener Klassiker? Versteht man seine Sprache oder seinen Witz nicht?

Brendel: Das ist ein interessantes Problem. Haydn war zu seinen Lebzeiten der berühmteste Komponist im internationalen Musikleben. Überall, wo man musiziert hat, hat man seine Werke gespielt - das ist vorher kaum einem Komponisten widerfahren, dass er so angestaunt wurde. Das hat sich dann geändert, das 19. Jahrhundert hat ihn weit gehend verkannt.

Schumann sagte, er sei wie ein Hausfreund, der immer gerne willkommen ist, aber uns nichts Neues zu bieten habe. Das ist meiner Meinung ungefähr das Falscheste, was man über Haydn sagen kann, denn er war in erster Linie ein Entdecker - im Vergleich mit Mozart und Beethoven, die Architekten waren.

Haydn ist heute vielleicht etwas für die feinen Kenner, und das ist auch ganz schön. Ich freue mich darauf, in meinen ältesten Tagen noch eine Reihe von Quartetten und Symphonien zu entdecken. Ein wunderbarer Komponist, ein Universum an Musik und an Neuem, das er geschaffen hat - er ist überhaupt nicht der Mann, der die Ordnung in das Haus der Musik gebracht hat. Und dann die Sache mit dem Humor: Es gibt sicher auch heute noch Leute - auch auf dem Podium -, die glauben, absolute Musik kann oder darf nicht komisch sein.

Man glaubt, dass in Verbindung mit Wort und Bühne Komik möglich ist, aber nicht, wenn die Musik allein steht. Ich bin gar nicht dieser Meinung. Es gibt Stücke, die man nur vom Komischen her verstehen kann, man muss man sie aber auch so darstellen. Ich freue mich darauf, das Publikum lachen zu hören. (DER STANDARD, Print-Ausgabe, 14./15. 6. 2006)

Das Interview führte Daniel Ender

Zur Person:

Alfred Brendel, 1931 in Wiesenberg (Nordmähren) geboren, lebt seit den 1970ern in London und gilt als einer der bedeutendsten Pianisten der Gegenwart. 2004 erhielt er den Siemens Musikpreis. Bei Philips erscheint derzeit eine "Artist's Choice"-CD-Serie mit einer eigenen Auswahl aus seiner Diskografie.

Bücher:

Spiegelbild und schwarzer Spuk. Gesammelte und neue Gedichte

Über Musik. Ge- sammelte Essays, Vorträge und Reden

Ausgerechnet ich. Gespräche mit Martin Meyer

Link

Alfredbrendel.com
  • Artikelbild
    foto: robert newald
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