Kopf des Tages: Theaterträumer mit gesundem Wirklichkeitssinn

13. Juni 2006, 19:22
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Designiert: Ab 2009 leitet Matthias Hartmann das Wiener Burgtheater

Zwei Kaufmannslehren hat der aus Osnabrück stammende, nunmehr als Burgdirektor designierte Matthias Hartmann (er wird dieser Tage 43 Jahre alt) zugunsten einer Schauspielausbildung abgebrochen. Vom schleichenden Bedeutungswandel alles Kaufmännischen kündet auch seine unerhörte Karriere.

Der Regie führende Schauspielintendant Hartmann ist ein überaus geschmeidiger Überwinder jener Moralblockierungen, die aus gestandenen Altachtundsechzigern pastorale Erweckungsprediger machten: Theaterhervorbringungen mussten nicht erst in der Ära Claus Peymanns umstürzende Läuterungswerke sein, um zugleich ihren ästhetischen Rang zu behaupten.

Hartmann, der bereits am Berliner Schillertheater Assistenzdienste leistete, als dort noch ein Österreicher namens Klaus Bachler schauspielerisch hervortrat, gehört zur Generation vorsätzlich Ernüchterter. Er bildete zu Anfang der 90er-Jahre am Bayerischen Staatsschauspiel mit Kollegen wie Matthias Fontheim ein Grüppchen "neusachlicher" Klassikerbezwinger, die mit eminentem Gespür für Wirkungen den deutschsprachigen Theaterbetrieb quasi "von unten her" aufrollten. Der wiederholt erhobene Vorwurf des Karrierismus konnte an der tadellos verbindlichen Fassade Hartmanns immer nur abperlen. An der Wiener Burg inszenierte er, ein halber Jüngling, bereits vor der Zeit "altmeisterlich". Er verhalf immerhin Otto Schenk an der Seite von Kirsten Dene in einer Turrini-Uraufführung (Die Liebe in Madagaskar) 1998 zur berückenden Alterswerkleistung. Personalstilfragen kann man anhand des Beispiels Hartmann also nicht befriedigend erörtern. Aber man darf fest-stellen, dass er Geschmack besitzt - und ein Händchen für Schauspieler hat. München also und Wien. Überdies Hannover. Ein wenig Kiel. Von 2000 bis 2005 aber Bochum, wo der Intendant Hartmann als strahlender Publikumswerber das von Leander Haußmann leer gespielte Schauspielhaus mit durchschlagendem Erfolg an den Amüsierbetrieb des Ruhrpotts anschloss. Plötzlich spielte TV-Entertainer Harald Schmidt eine stammelnde Beckett-Figur, und der skurrile Musiker Helge Schneider verwöhnte für gewöhnlich Theaterabholde mit einem Musical.

Ob es "einen Menschen hinter der Fassade Hartmann" gebe, gleicht der Frage nach dem Nukleus einer Zwiebel. Der seit 1994 verheiratete Vater einer Tochter genießt das persönliche Vertrauen einer erratischen Schriftstellerpersönlichkeit wie Botho Strauß. Er lässt bereitwillig wissen, dass im vergangenen Jahr sein geliebter alter Hund gestorben sei ("mein Lebenshund"). Er hat auch Zürich im Sturm genommen - und kann in drei Jahren beginnen, die Wiener Theaterherzen zu brechen. (Ronald Pohl/DER STANDARD, Print-Ausgabe, 14./15. 6. 2006)

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