Kommentar: Die Ruhe vor der Burg

13. Juni 2006, 18:48
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Hartmann besitzt einen eminenten Wirklichkeitssinn - von Ronald Pohl

Es bedurfte des genauen Hinhörens, um aus dem Wust so freundlicher wie durchaus gelehrter Verlautbarungen, die Matthias Hartmann anlässlich seiner Präsentation als neuer Burgtheaterdirektor von sich gab, mögliche Kernbestandteile einer künftigen "Wiener Dramaturgie" herauszukratzen. Der Regie führende Intendant Hartmann besitzt, sehr frei nach Robert Musil, einen eminenten Wirklichkeitssinn. Dieser äußerte sich paradoxerweise gerade dann, als Hartmann zur Kennzeichnung seiner theatralischen Sendung etwas handelsübliches Pathos bemühte.

Der derzeit in Zürich amtierende Deutsche verfügt über hervorragend ausgebildete Instinkte: So koppelte er in seinen ersten Darlegungen den vielfach abgenutzten Begriff des "Nationaltheaters" zurück an Friedrich Schillers erzieherisches Menschheitsprogramm (Das hört man gerne!). Er sprach, mit Blick auf die Burg, von der "Schutzwürdigkeit" eines gleichsam exterritorialen Symbolraums. Er deutete sehr klug an, dass die Bespielung der riesigen (will heißen: "nicht mehr zeitgemäßen") Portalbühne am Dr.-Karl-Lueger-Ring neue, "antiillusionistische" Raumlösungen erfordern könnte. Zugleich vermied der frisch gebackene Burgherr aber auch alle Anklänge, die man als eigenwillige, womöglich streitlustige Zäsursetzung missdeuten könnte. Gleichsam unbemerkt erfahren Häuser wie das Wiener Burgtheater, das stets mehr war als die Kubatur seiner einzelnen Räume, eine schleichende Rückbildung als überregional wirksame Fantasiebildungsinstitute.

Aus dem erlesen gemischten Warenangebot eines gesunden (und durchaus nicht haltungslosen) Pragmatikers wie Klaus Bachler wird Hartmann das eine oder andere erlösen können: erwartbarerweise die Klassikerkompetenz der großen Andrea Breth, die Substratbildung eines vergleichslosen Ensembles, das unbändige Begehren auch jüngerer Talente, sich künftighin am "ersten Haus deutscher Zunge" vor vollen Plüschreihen künstlerisch nachhaltig in Szene zu setzen.

Hinter so viel gesundem "Wirklichkeitssinn" wird man nolens volens einer erschreckenden Leere gewärtig. Längst überwuchern uneingestandene Existenzängste das ehedem so wichtige Primat der Streitbarkeit. Längst fehlt die Einspruchslust gegen das Behagen einer "Kulturpolitik", die ihre Pfründe eher instinktiv denn beschlusskräftig vergibt. Die einigermaßen bewusstlos handelt, weil sie das Theater aus seiner Rolle des Störers der billigen Übereinkünfte entlässt, und weil sie "das Beste" zu wollen vorgibt, wo sie das leidlich Angepasste fördert. Es spricht nicht das Geringste dagegen, dass Matthias Hartmann in die Rolle eines umsichtigen Burgtheater-Direktors hineinwachsen könnte. Er wird vielleicht sogar Autoren wie Botho Strauß zur Burg-Mitarbeit anstacheln - und ein paar "grundsolide" Klassikerinszenierungen hinlegen. So sieht Kontinuität eben aus: als reibungsfreie Fortschreibung des Gewesenen. Bis alle zu glauben anfangen, dass es immer schon so gewesen ist. (DER STANDARD, Print-Ausgabe, 14./15. 6. 2006)

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