Im Ennstal regiert der Wachtelkönig

20. Juni 2006, 15:30
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Heftiger Streit um die Grenzen des Umweltschutzes entbrannt: Es geht um den Schutz des Zugvogels, aber auch um die Zukunft der Bauern und des Tourismus

Schladming/Graz - Im steirischen Ennstal liefern sich Umweltschützer, Bauern und Wirtschaftstreibende gegenwärtig einen Streit über die Grenzen des Umweltschutzes. 2500 Hektar Land sollen dort Teil des EU-Naturschutznetzes Natura 2000 werden, um die Brutplätze für den Wachtelkönig - der bereits den Bau der sogenannten Ennsnahen Trasse verhindert hat - zu schützen. Für die Schutzzonen gelten strenge Bewirtschaftungsauflagen, die ansässigen Bauern fürchten um ihre Existenz. Die Zeit drängt, mit Ende Juni läuft die Frist, die die EU der Steiermark gesetzt hat, aus. Gibt es bis dahin keine entsprechende Naturschutzverordnunge drohen dem Land Strafgebühren von täglich bis zu mehreren hunderttausend Euro.

Am Montag soll ein Entwurf von SP-Umweltlandesrat Manfred Wegscheider für eine Verordnung zu den Schutzzonen in der Landesregierung beschlossen werden. "Diese Naturschutzverordnung bedeutet den Ruin für die gesamte Wirtschaft in der Region", kritisiert der Irdninger Landwirt und VP-Gemeinderat Daniel Pötsch: "Wir werden die Verordnung einfach ignorieren und weiter arbeiten wie gewohnt. Gerade unsere wirtschaftlichsten Flächen wären betroffen."

Innerhalb der Schutzzone dürften die Bauern erst ab Ende Juli mähen, das Gras hätte dann schon einen so geringen Nährstoffanteil, dass es als Futter wertlos sei, argumentiert Pötsch. "Die enormen Entschädigungen, die das Land an uns zahlen müsste, sind nicht finanzierbar."Das Landesbudget werde in fünf Jahren ohnehin schon stärker belastet, weil sich die EU dann nur noch mit einem Drittel an den Landwirtschaftsförderungen beteilige, derzeit sind es noch zwei Drittel.

Der frühere VP-Umwelt- und nunmehrige Agrarlandesrat Johann Seitinger will dem Verordungsentwurf Wegscheiders nicht zustimmen, da es dadurch schwere Beeinträchtigungen für den Tourismus in der Schiregion geben würde. Seitinger: "Das wäre ein möglicher Todesstoß für den Tourismus."Nach zwei gescheiterten Bewerbungsversuchen will Schladming 2013 endlich Austragungsort für die Ski-WM sein. Der Schladminger Stadtamtsdirektor Wolfgang Pitzer befürchtet, dass durch die Naturschutzzonen die Errichtung einer geeigneten Verkehrsstruktur für die WM behindert werden könnte. Hans Grogl, Leiter des WM-Organisationskommittees aber beschwichtigt: "Schladming als Austragungsort für die Schi-WM ist durch Natura 2000 nicht in Gefahr."

Seitinger fordert eine Verkleinerung der Schutzzone. Der Wachtelkönig benötige kein derart großes Naturreservat. Wegscheider solle in Brüssel einen weiteren Aufschub für die Verordnung erreichen. Wegscheider kontert: "Ich finde es schon merkwürdig, wenn der Landesrat, der die Deadline für die Verordnung dieser Schutzzonen festgelegt hat, der mit der EU und den Interessengruppen verhandelt hat, jetzt am Ende des Weges dem neuen Landesrat ein neues Reglement verordnen will." (Evelyn Kanya/DER STANDARD, Print-Ausgabe, 14./15. 6. 2006)

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    So harmlos er auch aussieht, seit Jahren lehrt der Wachtelkönig die steirischen Umweltpolitiker das Fürchten.

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