Restituierte Kunst auf dem Auktionsmarkt

13. Juni 2006, 18:29
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Sie punktet mit musealer Provenienz wie Marktfrische und beschert dem Auktionsmarkt derzeit eine Hochblüte: Noch nie gelangte so viel restituierte Kunst unter den Hammer

London - Entgegen der noch vor Kurzem monierten Austrocknung verfügt der Markt dank Kunstrückgabegesetz und entsprechender Rückstellungen über eine beständig sprudelnde Quelle an Kunstwerken. Gemessen an den weltweit erzielten Gesamtumsätzen mag es nur ein kleines Kontingent sein, dennoch haben sich Restitutionen als Werkzeug für die Beschaffung von Marktfrischem etabliert.

Davon profitieren in erster Linie die Auktionshäuser. Auch die Israelitische Kultusgemeinde Wien gibt laut Erika Jakubovits, Direktorin des Präsidiums, den in Auktionssälen erzielten "echten" Preisen den Vorzug. In Österreich gelangt die meist an im Ausland lebende Nachfahren restituierte Kunst nur in Ausnahmefällen zur Versteigerung; zuletzt im Dorotheum Totentanz von Egger-Lienz (760.000 Euro).

Der Auftakt erfolgte 1999 mit der Versteigerung der umfassenden Sammlung Rothschild, die Christie's entgegen den erwarteten 30 Millionen Pfund mehr als 87 Millionen bescherte. Auf die aktuellsten Beispiele stößt man in London: Am 7. Juni reichte Christie's die vor Kurzem von der Albertina und der Österreichischen Nationalbibliothek an die Erben Rudolf Ritter von Gutmann restituierten zwölf Handschriften weiter. Der Erlös belief sich auf 231.180 Pfund, umgerechnet etwas mehr als 335.000 Euro.

Sammlung Rieger

Topzuschläge verzeichnete man für eines von weltweit nur 80 bekannten Schembart-Büchern, das 84.000 Pfund (50.000-80.000) erzielte, sowie für ein Renaissance-Poesiealbum, das sich ein anonymer Bieter mit 60.000 Pfund beim Fünffachen der angesetzten Taxe (12.000) sicherte. Bereits 2004 hatte das Museum der Stadt Wien den von den Erben nach Joseph Hupka beanspruchten Zyklus Hochzeit des Figaros von Moritz von Schwind restituiert.

Die 30 Federzeichnungen gelangten nun am 13. Juni bei Sotheby's in London zur Auktion und wechselten für 190.000 Pfund den Besitzer. Kommende Woche gelangen über Christie's fünf resituierte Kunstwerke auf den Markt: Neben den aus Privatbesitz rückgestellten seit sechs Jahrzehnten verschollenen welken Sonnenblumen (Herbstsonne II, 4-6 Mio. Pfund) von Egon Schiele vier Werke aus der Sammlung Heinrich Rieger. Im Tausch gegen Behandlungen, begann der 1868 in Szered geborene Zahnarzt um 1900 Zeichnungen und Bilder von jungen österreichischen Künstlern zu erwerben. Bis 1935 wuchs die Sammlung auf mehr als 500 Bilder und 200 Grafiken. Nur kleine Teile konnte Rieger vor seiner Deportation nach Theresienstadt verkaufen, etwa an den Salzburger Händler Friedrich Welz, andere Teile übergab er dem Radierer Luigi Kasimir zur treuhändischen Verwahrung, der sie allerdings unrechtmäßig zu Geld machte.

Zu den durch Welz weitergereichten Arbeiten gehört Egon Schieles Hafen von Triest (150.000-250.000 Pfund), im April 2006 von der Neuen Galerie am Landesmuseum Joanneum (Graz) an die Erben nach Rieger restituiert. Bereits im Herbst 2004 übergab die Österreichische Galerie im Belvedere Egon Schieles Wiese mit Dorf im Hintergrund II (30.000-40.000 Pfund). Und vergangenes Jahr restituierte das Historische Museum der Stadt Wien zwei Rieger-Exponate: Gustav Klimts Kreidezeichnung Hygieia (15.000- 20.000 Pfund), die man 1942 bei einer Auktion im Dorotheum erworben hatte, sowie Josef Dobrowskys Kampf von 1918, das mit einer Taxe von 20.000 bis 30.000 Pfund zum Aufruf gelangt. (Olga Kronsteiner/DER STANDARD, Print-Ausgabe, 14./15. 6. 2006)

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