Arbeiten an der Trendwende

13. Juni 2006, 18:50
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Über "Schnittstellen" und das Problem Durchlässigkeit: Wifo-Expertinnen in der Bundesjugendvertretung zum Thema Jugendarbeitslosigkeit

Die Arbeitslosigkeit unter Jugendlichen habe im Mai 2006 gegenüber Mai 2005 um 8,1 Prozent auf 32.910 Arbeitslose abgenommen, berichtete die Junge Volkspartei Anfang Juni. "Stimmt nicht", konterte die SPÖ: Ende Mai seien 55.493 Jugendliche auf Jobsuche gewesen, im Mai 2005 seien es weniger gewesen, nämlich 54.877.

Der Grund für die Differenz: 22.583 Jugendliche befanden sich im Mai in AMS-Schulungen und wurden so in der Statistik "versteckt". Außerdem werden Schulabgänger, die zum ersten Mal auf Jobsuche sind, erst gar nicht in diese Statistiken aufgenommen. Im Jahr 2005 war darüber hinaus eine weit reichende Trendwende zu beobachten: Erstmals war die Zahl der Jugendlichen auf Jobsuche höher als jene der Über-50-Jährigen Arbeitslosen.

Um einerseits auf diese Tatsache aufmerksam zu machen und andererseits Konzepte dagegen zu erarbeiten, startete die Bundesjugendvertretung (BJV) kürzlich eine Info-Kampagne (derStandard.at berichtete laufend). Am Dienstag wurden dazu die beiden Wifo-Arbeitsmarktexpertinnen Ulrike Huemer und Julia Bock-Schappelwein eingeladen, um über Auswege aus der Misere zu diskutieren.

Mehr Lehrstellen als Lehrstellensuchende

Die Trends sind klar: Die Lehre verliert weiter an Attraktivität. Derzeit beginnen nur noch 40 Prozent eines Altersjahrgangs eine Lehre. Der Rest besucht höhere Schulen, wobei hier weiters festzustellen sei, dass seit dem Jahr 2001 die Berufsbildenden Höheren Schulen (BHS) mehr Zulauf haben als die Allgemeinbildenden Höheren Schulen (AHS), berichtete Bock-Schappelwein. Seit 1996 übersteigt das Angebot an Lehrstellen die Zahl der Nachfragenden, "aber es steigt auch die Zahl derjenigen, die keine passende Lehrstelle finden", so die Wifo-Expertin.

Die beiden großen Probleme seien hier einerseits die "geschlechtsspezifische" Segmentierung in typisch "männliche" (etwa Kfz-Techniker oder Tischler) und typisch "weibliche" (Frisörin) Lehrberufe, andererseits auch weiter eine starke Konzentration auf nur wenige Berufe: So entscheiden sich noch immer zwei Drittel der Mädchen für nur fünf der mehr als 250 in Österreich angebotenen Lehrberufe, bei den Burschen "verteilen" sich 50 Prozent auf zehn Berufe.

Schnittstellen-Management

Den "Schnittstellen" in der Ausbildung (als eine solche wird etwa der Übergang vom Kindergarten in die Volksschule bezeichnet) kommt erhebliche Bedeutung zu - vor allem jener vom Ende der Lehre zum Eintritt in den Arbeitsmarkt. Diese "zweite Schnittstelle" müsse mehr beachtet werden, forderte Bock-Schappelwein. Die Lehre wird nämlich oft nur noch als "Durchlaufposten" in der eigenen Karriere betrachtet. Den Beruf, den man einmal lerne und dann ein Leben lang ausübe, gebe es zwar ohnehin nicht mehr, so Huemer. In manchen Branchen sei die Zahl der Aussteiger aber schon sehr hoch; im Tourismus bleiben etwa einer aktuellen Studie zufolge nur noch 30 Prozent der Lehrlinge nach Ende der Lehrzeit.

Bei der Verteilung der Lehrstellen nach Branchen gibt es noch immer einen Überhang der Sachgütererzeugung (rund 60%). Richtiger wäre es allerdings, neue Lehrstellen im nach wie vor aufstrebenden Dienstleistungssektor zu schaffen. Viele "Aussteiger" nehmen nach Ende der Lehrzeit zwar recht gut bezahlte Hilfsjobs etwa in der Industrie an, doch diese Jobs werden weniger, so Huemer.

Vor allem für Jugendliche mit Migrationshintergrund ist dies ein Problem: Die so genannte "Kettenbeschäftigung" - die Kinder im selben Unternehmen wie die Elterngeneration - gebe es nicht mehr, die Jugendlichen streben nun verstärkt in den Einzelhandel. Doch auch dieser bietet fast nur noch - eher schlecht bezahlte - 30-Stunden-Jobs.

Jugendliche seien das "flexible Element" im Arbeitsmarkt, dies habe erst jüngst eine Studie zu Tage gefördert, berichtete Bock-Schappelwein. Generell müsse deshalb die "Verwertbarkeit" der Ausbildung hinterfragt werden, um die Jugendlichen "nachhaltig" in den Arbeitsmarkt zu integrieren.

"Vertikale" Durchlässigkeit stärken

Die neue "Berufsreifeprüfung" sei noch "kein Breitenprogramm", meinte Huemer, wenn auch der Anteil an Absolventen dieser "Lehre mit Matura" an den Fachhochschulen schon bei rund zehn Prozent liege. Ein Problem sei dabei jedenfalls die nicht einheitliche Förderung seitens der Bundesländer: In der Steiermark werden die gesamten Kosten für die Vorbereitung zur Berufsreifeprüfung vom Land refundiert, in anderen Ländern nicht.

Neben der "horizontalen" Durchlässigkeit - also etwa der Wechsel von der Volksschule in die AHS-Unterstufe - müsse aber auch die "vertikale" Durchlässigkeit verbessert werden, so Bock-Schappelwein. Umstiege von der Lehre in die Unterstufe könnten mit klar definierten Regeln für die Anrechenbarkeit erworbenen Wissens erleichtert werden.

"Blum-Bonus nur ein Provisorium"

Den so genannten "Blum-Bonus" - dabei erhalten Betriebe für jedes zusätzlich geschaffene Lehrverhältnis im ersten Lehrjahr 400 Euro, im zweiten 200 Euro und im dritten Lehrjahr 100 Euro Entschädigung pro Monat - hält Huemer nur für ein "Provisorium" und deshalb für "nicht optimal". Bock-Schappelwein berichtete vom niederländischen Modell: Hier werden von Forschungseinrichtungen jährlich Bedarfsprognosen für jede Branche erstellt, die Bildungseinrichtungen nehmen dann genau diesen Bedarf an Lehrlingen auf.

Die Bundesjugendvertretung fordert u.a. einen Ausbau des "bewährten Systems" der dualen Lehrausbildung, die Schaffung eines Lehrlingsausbildungsfonds sowie die Einrichtung neuer Lehrberufe und Gruppenlehrberufe. Außerdem soll die Berufsberatung und -orientierung in der Schule ausgebaut werden, etwa mit einem eigenen Pflichtfach ohne Benotung. Über diese Vorschläge wird am 26. Juni im Rahmen eines "Runden Tisches" der BJV mit Arbeitsmarkt- und WirtschaftsexpertInnen sowie VertreterInnen aus Politik und Wirtschaft diskutiert werden. (Martin Putschögl)

  • Die Wifo-Expertinnen Ulrike Huemer (l.) und Julia Bock-Schappelwein.
    foto: bjv/kienesberger

    Die Wifo-Expertinnen Ulrike Huemer (l.) und Julia Bock-Schappelwein.

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