Brückners Enkel und der Muskel

16. Juni 2006, 14:31
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Nach dem 3:0 gegen die USA gelten der Tsche­chen Sorgen vor allem dem verletzten Jan Koller

In der Öffentlichkeit gibt Karel Brückner oft einen der letzten großen alten Grantscherm seiner Profession. Seinen Spielern bringt der Coach der Tschechen dagegen großväterliche Gefühle entgegen, "sie sind wie meine Enkel", hat der 66-Jährige erst kürzlich wieder einmal versichert.

Kein Wunder also, dass dem Olmützer nach der locker gewonnenen Partie gegen die USA quasi auch jener Schmerz ins Gesicht geschrieben stand, den der mächtige und mächtig gezerrte Oberschenkelmuskel seinem ziemlich groß geratenen Enkel Jan Koller bereitet haben muss. Dass Koller, der auf Anregung von Franz Beckenbauer vom WM-OK mit Blumen und besten Wünschen getröstet wurde, zehn Tage bis sechs Wochen ausfällt und gegen Ghana (Samstag) sicher nicht spielt, hat Brückners Laune auch nicht gehoben. Schließlich hat man sich wohl mit den ebenfalls nicht unflott gestarteten Italienern auszumachen, wer im Achtelfinale die Brasilianer bespielen muss.

Keine Alternativen

Vratislav Lokvenc mit seiner in fünf Ligaspielen ohne Tor für Salzburg gesammelten Saisonmatchpraxis dürfte, wie gegen die USA bewiesen, kein adäquater Ersatz für Koller sein. Eine andere Möglichkeit wäre Milan Baros, der aber noch immer an einer hartnäckigen Fersenverletzung laboriert. Der Torschützenkönig der EM 2004 von Aston Villa gibt sich selbst keine großen Chancen auf einen Einsatz gegen Ghana. "Es hat keinen Sinn, zu früh voll zu belasten."Teamarzt Petr Krejci stimmte dem bedächtig nickend zu.

Baros ist einer der Spieler, die Brückner oder Klekih Petra, wie ihn seine Schützlinge nach Winnetous - für Autor Karl May natürlich deutschstämmigem - Lehrmeister nennen, schon als Trainer der U21-Auswahl (1998 bis 2001) betreute. Auch Zdenek Grygera oder Jaroslav Plasil genossen schon in jungen Jahren die Fürsorge des passionierten Schachspielers.

Tomas Rosicky, der Brückners Offensivtaktik gegen die USA mit seinen zwei Treffern erst so richtig Ausdruck verlieh, hielt sich ob seines Talents nicht lange mit Nachwuchsländerspielen auf. Der WM-Auftakt war für den 25-Jährigen schon der 55. Einsatz im A-Team. "Dieser Mann ist einfach gut, der ist begabt, der macht den Unterschied aus", schwärmte selbst Pelé. Wenn, wie der amerikanische Maler James McNeill Whistler sagte, Kunst der individuelle Fehlerkoeffizient in den Bemühungen des Künstlers ist, die Form auszudrücken, dann hat der Papierene von Tschechien tatsächlich ein großes Turnier vor sich. Und Arsenal wird keinen Cent der angeblich gut elf Millionen Euro bereuen, die für den Prager an Dortmund überwiesen wurden.

Rosicky, der bei der Borussia fünf Jahre lang den Patterchon zum nach Monaco wechselnden Kollegen Koller gegeben hat, ist kein Mann der großen Worte. Selbst die Auszeichnung zum "Man of the Match"gegen die USA entrang ihm nur ein gepiepstes "Ich freue mich sehr". Der noch vor der WM fixierte Wechsel zu Arsenal habe ihm "sehr geholfen. Ich konnte ganz entspannt ins Turnier gehen."

Einzige Alternative

Zur Entspannung trug auch bei, dass nicht die gesamte Verantwortung für das spielerische Potenzial der Elf auf ihm zu ruhen kommt. Mit der schon im November des Vorjahres gelungenen Überredung von Pavel Nedved, doch wieder für Tschechien zu geigen, hat Trainer Brückner Rosicky gleichsam freigespielt.

Kapitän Nedved, nach dem verlorenen EM-Halbfinale gegen Griechenland in Portugal durch eine Knieverletzung außer Tritt gebracht, wollte seinen Körper eigentlich nur noch auf Juventus Turin konzentrieren. Dann half er aber schon im Playoff der Qualifikation mit, gegen Norwegen (zweimal 1:0) das Ticket für die WM zu checken. Brückner sprach damals vom größten Erfolg seiner Trainerkarriere.

Gegen die USA stand Nedved nur wegen dessen Toren in Rosickys Schatten. Für Bruce Arena aus den USA, den Trainer der der Nummer zwei wahrhaft unterlegenen Nummer fünf der FIFA-Weltrangliste, war der 34-Jährige schlicht "fantastisch. Er war der Spieler des Tages."

Selbst wollte Europas Fußballer des Jahres 2003 die Glückwünsche nicht kommentieren. Geredet hat Nedved ohnehin schon bei den Olympischen Spielen in Turin genug, als er für das italienische Fernsehen die Partien der tschechischen Eishackler mitkommentierte. Und für die hat's dann immerhin zu Bronze gereicht. (DER STANDARD Printausgabe 14./15.06. 2006)

Sigi Lützow aus Gelsenkirchen
  • Kollers Oberschenkel ärger ramponiert.
    foto:epa/scheidemann

    Kollers Oberschenkel ärger ramponiert.

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