Wirtschaftsbosse: "Über den Tellerrand nach Osteuropa blicken"

3. Juli 2006, 15:57
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Initiative gegen negative EU-Stimmung in Österreich - "Erweiterung ist Garantieschein für Wachstum" - Ostöffnung brachte hier zu Lande 150.000 neue Arbeitsplätze

Wien - Es gibt kein Land, das so wie Österreich von der Ostöffnung wirtschaftlich profitiert hat, aber auch kein Land, das gegenüber der Ostöffnung so negativ eingestellt ist wie Österreich. "Diese negative Stimmung ist eine Gefahr für den Standort Österreich, die es gilt gemeinsam einzudämmen", erklärte RZB-Generaldirektor Walter Rothensteiner heute, Dienstag, in Wien bei der Präsentation der "Initiative Tellerrand" von sieben großen österreichischen Konzernen.

Laut aktuellem "Eurobarometer" befürworten nur 32 Prozent der Österreicher die EU-Mitgliedschaft, nur 20 Prozent sprechen sich für eine zusätzliche Erweiterung aus.

Negativeinstellung gefährdet Chancen

"Wir glauben, dass Österreich mit dieser negativen Einstellung viele Chancen aufs Spiel setzt", warnten die Vorstände von sieben großen österreichischen Unternehmen - Bank Austria Creditanstalt (BA-CA), Erste Bank, OMV, Raiffeisen Zentralbank (RZB), Siemens Österreich, Voestalpine und Wiener Städtische - beinahe gleichlautend bei einer gemeinsamen Pressekonferenz im Wiener Ringturm, von dem aus man "an klaren Tagen die Burg Bratislava sehen kann", wie Städtische-Generaldirektor und Hausherr Günter Geyer versicherte.

Für BA-CA-Vorstandsdirektorin Regina Prehofer ist die EU-Erweiterung "ein Garantieschein für weiteres Wachstum". "Es gibt Berechnungen, dass Österreichs BIP durch die Ostöffnung seit 1990 um 13 Milliarden Euro gestiegen ist", sagte Prehofer. "Bei uns ist es so, dass circa 50 Prozent unseres Ertrages inzwischen aus Osteuropa kommen", und bei den anderen Banken sei es ähnlich. "Jeder dritte Euro, der in Osteuropa bewegt wird, geht über die Bücher österreichischer Banken oder ihrer Töchter."

Ängste

Besonders gegen den Strich geht den Konzernchefs die Abschottung des österreichischen Arbeitsmarktes gegenüber den östlichen Nachbarn. "Ich sehe das ein bisschen so, als ob sich Belgien entschlossen hätte, seinen Wirtschaftsraum gegenüber Frankreich abzuschotten oder als ob sich Portugal entschließen würde, seinen Arbeitsmarkt für spanische Arbeitnehmer zu schließen", zog Erste-Bank-Chef Andreas Treichl einen drastischen Vergleich. "Die RZB hat in den letzten vier Jahren 500 Arbeitsplätze in Österreich geschaffen" und ein guter Teil davon gehe auf Investitionen in Osteuropa zurück, assistierte RZB-Chef Rothensteiner. "Man darf davon ausgehen, dass im Zuge der Ostöffnung 150.000 Arbeitsplätze in Österreich geschaffen wurden." Ähnliches wusste OMV-Chef Ruttenstorfer zu berichten: "Im vorigen Jahr haben wir 500 Millionen Euro in Österreich investiert, nur im Zusammenhang mit anderen, internationalen Investitionen." Wenn es in Osteuropa wirtschaftlich voran gehe, "dann senkt das den Migrationsdruck", betonte Ruttenstorfer.

Den Einwand, dass von der EU-Erweiterung möglicherweise nur die Konzerne profitiert hätten, wollte Treichl nicht gelten lassen: "Die Konzerne, die hier sitzen, haben insgesamt 200.000 Mitarbeiter, wenn nicht mehr - die haben alle davon profitiert. Darüber hinaus gibt es zwei Millionen kleine Investoren, die von unseren Konzernen profitiert haben", argumentierte Treichl. "Konzerne sind auch Vorstände, die viel verdienen, sind große Anleger, große Heuschrecken, kleine Heuschrecken - aber auch viele, viele Arbeitnehmer."

Man wolle mit der Initiative nicht unmittelbar in das parteipolitische Geschehen eingreifen, sagte Siemens-Österreich-Chefin Brigitte Ederer, "daher gibt es keine Verbindungen zu irgendeiner Politik, es ist eine Initiative der Wirtschaft". Ob die Wirtschaft damit nicht eigentlich eine Aufgabe der Politik übernehme? Treichl: "Wir glauben, dass wir damit die Politik unterstützen - vielleicht nicht jeden Politiker unterstützen." (APA)

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