Matthias Hartmann wird neuer Direktor an der Burg

13. Juni 2006, 19:22
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43-jähriger Deutscher übernimmt ab der Saison 2009/10 die Agenden von Klaus Bachler - Vertrag läuft auf fünf Jahre

Wien - Matthias Hartmann (43) wird ab der Saison 2009/10 neuer Burgtheater-Direktor und folgt Klaus Bachler, der ab 2008/09 - in der ersten Saison parallel zur Burg - die Bayerische Staatsoper in München leitet. Das gab Kunststaatssekretär Franz Morak heute auf einer Pressekonferenz bekannt. Hartmann war stets als einer der Favoriten gehandelt worden; er erhält einen Fünf-Jahres-Vertrag.

Der künftige Burgtheaterdirektor repräsentiert eine neue Generation von Theaterleitern und hat bewiesen, dass Erfolg mit hohem künstlerischen Anspruch machbar ist", sagte Kunststaatssekretär Franz Morak über seine Wahl. Hartmann weise Leitungserfahrung auf, und "kennt das Burgtheater, das deutsche Theater, das internationale Theater", so Morak. Die Entscheidung für den "offenen, zielgerichteten Vielarbeiter" sei am Montag gefallen.

"Einzigartigkeit des Burgtheaters ist für mich eine Lebensperspektive"

Hartmann bezeichnete die lange Vorlaufzeit bis 2009 als "ungewöhnlich frühe Entscheidung". Dies sei jedoch auch positiv zu deuten und ermögliche ihm eine "sehr gute Vorbereitungszeit" und auch der Stadt Zürich (wo Hartmann "sehr verständnisvolle Partner" hat) einen "friktionsfreien Übergang" (Morak). Er werde in Zürich vier der fünf Vertragsjahre erfüllen. Dies sei also "kein früher Abgang, sondern eine frühe Bekanntgabe", betonte Hartmann.

Das Wiener Burgtheater sei als "Nationaltheater" und "interessantestes Theater der ganzen Welt" eine ganz besondere Herausforderung, die "Einzigartigkeit des Burgtheaters ist für mich eine Lebensperspektive". Seine Vorbereitung auf die Intendanz "beginnt jetzt", Hartmann hat auch "von Bochum aus Zürich vorbereitet". Das Burgtheater müsse zwar eine Ausrichtung haben, aber sich nicht gegen andere Häuser profilieren. Daher hätten viele verschiedene Stile darin Platz. Es soll ein Ort sein, der nicht die Welt erklären will, sondern ein Ort, der "Fragen stellt und nicht ständig Antworten vermittelt". In Wien "begleiten die Menschen das Theater auch im Scheitern", es gebe hier eine Theatertradition, die "mit ganz großer Vorsicht zu behandeln sein wird".

Künstlerische und finanzielle Aspekte

Seinen ersten Spielplan will Hartmann rund ein Jahr vor seiner ersten Saison bekannt geben. Über mögliche Schauspieler, die er mit ans Burgtheater bringen will, oder andere künstlerische Partnerschaften, die Hartmann im Gepäck haben wird, wollte er noch nichts preisgeben. Wie es seiner Meinung nach mit der Finanzsituation des Theaters aussieht? "Jeder Intendant, der sagt, er hat genug Geld, ist ein Trottel", so Hartmann. "Aber im internationalen Vergleich sieht es so aus, als wäre das machbar". Morak habe Gesprächsbereitschaft signalisiert, "wenn es klemmt".

Burgtheater-Holdingchef Georg Springer verwies darauf, dass die Basissubvention der Bundestheater seit 1999 nicht erhöht wurde. Es wäre "unlogisch, diese Problematik weiterzutragen bis 2009", dem Amtsantritt Hartmanns. Morak betonte, dass mit einer Anhörung des Aufsichtsrates vor einer Woche den gesetzlichen Bestimmungen Folge geleistet worden sei. Springer geht "davon aus, dass es ein zweites Gespräch geben wird".

Moraks Auswahl

Morak hat die in den Medien genannten nicht zum Zuge gekommenen Kandidaten für die Burgtheaterdirektion "alle für seriöse Kandidaten" gehalten, wie er betonte. Nach Gesprächen mit "Ensemblevertretung, Schauspielern, Burgtheater-Direktion und auch mit anderen Theaterkennern" habe er "von Beginn an große Liebe für die Gespräche mit Hartmann" entwickelt.

Auf APA-Nachfrage, warum etwa mit dem als starken Kandidaten gehandelten Österreicher Martin Kusej nicht einmal gesprochen worden sei, meinte der Staatssekretär: Kusej habe sich nicht auf die Ausschreibung hin beworben und er, Morak, habe auch danach keine Signale von Gesprächswillen empfangen. Auf die Nachfrage, warum keine Frau gewählt wurde, verwies Morak auf die Gründe, die ihn für Hartmann eingenommen haben: "Er hat mehrfach bewiesen, dass er ein Profi ist", sei ein "Mann des Theaters" und "verbindet Professionalität mit Leidenschaft".

---> Hartmanns Werdegang

--->> Durchwegs positive Reaktionen

Matthias Hartmann, 1963 in Osnabrück geboren, hat in den vergangenen Jahren eine steile Theaterkarriere absolviert. Ab der Spielzeit 2000/2001 war er Intendant des Schauspielhauses Bochum, seit 2005 ist er Intendant am Schauspielhaus Zürich. Dort läuft sein Vertrag bis 2010.

Nach einer kaufmännischen Ausbildung absolvierte Hartmann eine zweijährige Regieassistenz am Berliner Schillertheater und lieferte 1989 mit "Tagträumer" von William Mastrosimone in Kiel seine erste Inszenierung ab. Als leitender Regisseur gehörte er drei Jahre zum Niedersächsischen Staatstheater Hannover. Bereits 1992 wurde er mit einer "Emilia Galotti"-Inszenierung zum Berliner Theatertreffen eingeladen. Ab 1994 inszenierte er regelmäßig am Bayerischen Staatsschauspiel in München und am Deutschen Schauspielhaus Hamburg.

Inszenierungen in Wien

Am Wiener Burgtheater inszenierte er Schillers "Die Räuber" (1995 an der Burg), Molieres "Der Menschenfeind" (1996 am Akademietheater), Ödon von Horvaths "Kasimir und Karoline" (1996 am Burgtheater) und die Uraufführung von Peter Turrinis "Die Liebe in Madagaskar" (1998 am Akademietheater).

In Bochum inszenierte er u.a. die Uraufführungen von Albert Ostermaiers "Es ist Zeit. Abriss" und von "Der Narr und seine Frau heute Abend in Pancomedia" von Botho Strauss. Mit dem Entertainer Harald Schmidt inszenierte er Samuel Becketts "Warten auf Godot". Auf der Zuschauerseite konnte Hartmann außerordentliche Erfolge verbuchen.

Hartmanns derzeitige Aufgabe

Seit 2005/06 leitet Matthias Hartmann das Schauspielhaus Zürich, wo ihm bereits 1999 die Uraufführung von "Der Kuss des Vergessens" von Botho Strauss eine zweite Einladung zum Berliner Theatertreffen eingetragen hatte.

---> Durchwegs positive Reaktionen

Erfreute Reaktionen

Als "vernünftige und erfreuliche Entscheidung mit Pepp" hat der Wiener Kulturstadtrat Andreas Mailath-Pokorny (S) die Designierung von Matthias Hartmann zum neuen Burgtheaterdirektor bezeichnet. "Ich heiße Matthias Hartmann herzlich in Wien willkommen und wünsche ihm für diese wichtige Aufgabe alles Gute", so Mailath-Pokorny. Er erwarte sich "interessantes, unkonventionelles und spannendes Theater, das auch breite Publikumsschichten anspricht".

Der Burgtheater-Schauspieler und künftige Volksopern-Direktor Robert Meyer gratulierte Hartmann ebenfalls. "Ich wünsche Matthias Hartmann von ganzem Herzen alles Gute und freue mich auf die Zusammenarbeit im Bundestheaterkonzern", so Meyer.

Holender: "Eine sehr gute und kluge Wahl"

"Ich kenne Matthias Hartmann seit vielen Jahren - noch vor seiner Tätigkeit in Bochum - als einen hochprofessionellen, mit höchster Qualität arbeitenden Theaterleiter und Regisseur", reagierte Staatsopern-Direktor Ioan Holender auf die Designierung Hartmanns. "Darüber hinaus besitzt er nachgewiesenermaßen die Fähigkeit, Menschen zu führen und zu motivieren. Ich glaube, er ist eine sehr gute und kluge Wahl für die Leitung des Burgtheaters."

Föttinger: "Großer Gewinn"

Auch der künftige Direktor des Theaters in der Josefstadt, Herbert Föttinger, begrüßte die Bestellung von Matthias Hartmann. Dies sei ein "großer Gewinn für die österreichische Theaterlandschaft", so Föttinger in einem offiziellen Statement. Er hob Hartmanns Erfolg in Bochum und derzeit in Zürich hervor und lobte ihn als "Mann von höchster Qualität".

"Ich kenne ihn als leidenschaftlichen Theatermann, als inspirierten Regisseur, der seine Schauspieler liebt und die besten Kontakte zu guten Regisseuren hat", so Föttinger. Hartmanns Bestellung bedeute "produktive Konkurrenz", die die Theaterstadt Wien künstlerisch am Leben erhalte.

SPÖ erwartet "großes Theater"

Für den Chef der Bundestheater-Holding, Georg Springer, musste "Wiens Theaterzukunft Hartmann" heißen. Schließlich habe Hartmann sowohl als Regisseur international als auch als Direktor in Bochum und Zürich bewiesen, dass seine Zukunft Wien heißen müsse, so Springer. "Matthias Hartmann ist einer jener 'Jungen', die echte, profunde 'Theatermacher' sind und uns eine spannende Zukunft bescheren werden", meinte Springer, der die "Bundestheater-Familie" in eine neue Generation gehen sieht."

SPÖ-Kultursprecherin Christine Muttonen begrüßte die Designierung Hartmanns ebenfalls. Der "Wirbelwind der internationalen Theaterszene" verspreche in seinem Konzept ein "ambitioniertes Programm zwischen Konventionalität und Experimenten mit Klassikern und Uraufführungen". "Die BurgtheaterbesucherInnen können sich somit auf großes Theater gefasst machen", so Muttonen.

Trauer nur im Schauspielhaus Zürich

Das Schauspielhaus Zürich hat den Wechsel von Intendant Hartmann nach Wien bedauert, aber auch Verständnis gezeigt. Eine Berufung ans Burgtheater sei für jeden Intendanten "die allerhöchste Stufe in der künstlerischen Laufbahn", hieß es in einer Stellungnahme des Verwaltungsrats der Bühne am Dienstag in Zürich. "Uns bleibt der Trost zu wissen, dass Zürich offenbar ein gutes Sprungbrett zu höchsten künstlerischen Ehren darstellt."

Hartmann sei mit großem Erfolg am Schauspielhaus gestartet. Bereits in seiner ersten Saison habe er "deutliche Marken" gesetzt. Über die Nachfolge werde der Verwaltungsrat bei seiner nächsten Sitzung Ende Juni beraten. Hartmann wird am 31. Juli 2009 das Haus verlassen, ein Jahr vor dem eigentlichen Ende seines Vertrages. (APA)

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