Attacken legen russische Informationssites lahm

20. Juni 2006, 08:11
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Experten schließen nicht aus, dass die russische Zensurbehörde dahinter stecken könnte

Gezielte Angriffe auf Firmenserver gehören schon lange zum Geschäft angeheuerter Hacker. Seltener sind Angriffe auf Informations- und Medienseiten. Umso stärker nimmt sich die Attacke aus, die Ende Mai auf die beliebte russische Website compromat.ru gestartet wurde.

Einer der größten so genannten DDoS-Angriffe

Wie das renommierte Wirtschaftsblatt Vedomosti unter Berufung auf den Besitzer der Site, Sergej Gorschkow, berichtete, legte der erste Angriff den Dienst am 22 und 23. Mai lahm. Nach einer kurzen Pause wurde der Dienst für fast zwei Wochen außer Gefecht gesetzt. Laut Gorschkow ist dies einer der größten so genannten DDoS-Angriffe in der Geschichte des russischen Internets.

Um einen Angriff auf Unternehmensserver (im Fachjargon DDoS-Attacke - Distributed Denial of Service) zu starten, infizieren Webgangster hunderte bis zigtausende Computer mit speziellen Schadprogrammen. Auf Befehl besuchen diese gleichzeitig die Internetseite des Opfers, die mit dem überhöhten Zustrom nicht mehr zurechtkommt und damit auf etwaige Benutzeranfragen äußerst langsam oder gar nicht mehr reagieren kann. Zum realen Geschäftsentgang für Unternehmen kommt als Schaden noch der Imageverlust hinzu.

Personendossiers

Compromat.ru existiert seit 1999. Seither werden dort Informationen aus anderen Medien über russische Politiker und Businessleute gesammelt. Zum gegenwärtigen Zeitpunkt stehen Dossiers zu 359 wichtigen Personen gratis zur Einsicht zur Verfügung. Über 30.000 User zählte der Dienst am Tag vor der Attacke.

Dass das Mittel des DDoS auch zur Zensur eingesetzt wird, schließen Experten nicht aus. Im April etwa wurde durch DDoS-Attacken die Seiten der Agentur "Novyj Region" (Neue Region - www.nr2.ru) für zwei Wochen lahm gelegt. Seit 1998 wird auf dieser Site Material zu allen Regionen Russlands, der Ukraine, der Krim und Transnistrien gesammelt. Chefredakteurin Julia Schatowa konnte die Auftraggeber der Attacke nicht ausmachen, gab jedoch gegenüber Vedomosti an, dass im April einige Unternehmen darum gebeten hatten, kritisches Material von der Novyj Region zu nehmen.

Klein

Internetzeitungen und Web-Informationsdienste sind unter Russlands Massenmedien bislang die freiesten und unerschrockensten. Auch ist das Angebot konkret an reinen Internetzeitungen vielfältiger als in Westeuropa. Da diese aufgrund der geringen Internetpenetration nur von einem kleinen Prozentsatz der Bevölkerung konsumiert werden, hat sie auch die Staatsmacht bei ihrem Zensurfeldzug der letzten Jahre weit gehend verschont.

Billig

DDoS-Attacken gelten als äußerst billiges Angriffsmittel. Der russische Antivirenspezialist Kaspersky Lab beziffert die "Anmietung" eines virulenten Computernetzes für jeden beliebigen schädigenden Zweck mit 30 bis 500 Dollar für einige Tage. In Russland steht auf DDoS-Angriffe Freiheitsentzug bis zu sieben Jahren. (Eduard Steiner aus Moskau, DER STANDARD Printausgabe, 13. Juni 2006)

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