"Sagen's amal, i kenn Sie von wo" - Laudatio auf Senta Berger

27. Juni 2006, 12:05
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Am Donnerstag wurde der Schauspielerin in der Filmakademie Wien der Billy-Wilder-Award verliehen, Redner war Michael Kreihsl

Liebe Senta Berger, als wir einmal im Schanigarten eines Wiener Kaffeehauses saßen, ist ein Mann an unserem Tisch vorbeigegangen, stehen geblieben, dann auf dich zugekommen. Er schaut dich an, dann sagt er zu dir: "Sagen's amal, i kenn Sie von wo. Helfens ma."

Die Anekdote sagt mehr über Senta Berger aus, als der vergessliche Fan wissen konnte. Dass du nämlich immer hinter deiner Rolle zurück trittst. Du bist nicht als Typ festgelegt, kannst in alle Rollen schlüpfen, deine Prominenz steht dir nicht im Wege.

Ich glaube, dein erster Film war "Die unentschuldigte Stunde" von Willi Forst, wo du eine Schülerin gespielt hast. Für mich bist du im besten Sinn eine Schülerin geblieben, du hast das Bedürfnis weiter zu sehen, etwas zu machen, um zu lernen, einen Geographie-Atlas zu studieren um dann zu reisen. Du warst "Schülerin" von Willi Forst, hast mit Regisseuren gearbeitet wie Wolfgang Liebeneiner, Axel von Ambesser, Bernhard Wicki, Sam Peckinpah, Dino Risi, Michael Anderson, Michael Verhoeven, Volker Schlöndorff, Wim Wenders, Anatole Litvak, und warst meine "Lehrmeisterin" bei unserem Film.

Als wir vor ein paar Jahren unseren Film "Probieren Sie's mit einem Jüngeren" drehten, haben wir länger über deine Rolle gesprochen. Eine Frau, die im Spannungsfeld zwischen ihrem öffentlichen und privaten Leben steht. Als erfolgreiche Autorin für Lebenshilfe-Bücher einerseits, andererseits als einsame Frau. Eine Frau, die nach einem langen Arbeitstag die Mailbox ihres Mobiltelephons abhört, und die Tonbandstimme sagt: "Es liegen keine neuen Nachrichten vor".

Es war von Anfang klar diese Frau mit ihrer Härte in ihrem Beruf zeigen und dann privat in ihrer Verletzbarkeit. Oft wird über solche Ansätze vor dem Dreh schön geredet und dann am Set ist alles anders, man zieht sich auf ein Hochglanz-Elend zurück, voll geschminkt und tut so vor der Kamera als ob alles ganz schrecklich wäre. Die Besprechungen vorher hatten nur den Zweck sich interessant zu machen. Bei Dir war das anders, du kommst mit einer anderen Haltung. Du hast Mut zu ungeschminkten Tatsachen und ich meine das nicht nur im übertragenen Sinn.

Für mich sind die interessanten Momente die, wo nicht gesprochen wird, wo das Schweigen gezeigt wird, das "zwischen den Zeilen Sehen". Bernhard Minetti hat einmal gesagt, er schreibe sich bei der ersten Leseprobe alles auf, was ihm sofort zum Text, zur Rolle, einfällt, um es nicht zu machen. Ein Großteil unserer Bewegungen gehorchen der Gewohnheit und es wäre unnatürlich sie dem Gedanken oder dem Willen unterzuordnen. Das als Schauspielerin zu vermitteln heißt für mich klischeefrei zu agieren. Der Punkt beim Schauspielen ist ja: Zu zeigen, was man versteckt.

Ich erinnere mich, wie in einer der tragischen Schlüsselszenen unseres Films das Team den Atem anhielt, weil wir zwischen Fiktion und Realität nicht mehr unterscheiden konnten. Deinen Mut, über das vereinbarte Fernsehformat hinaus zu gehen haben nur wenige.

Unlängst habe ich einen Pianisten im Radio gehört, er spielte Beethoven, er spielte so, als würden die festgeschriebenen Noten ihm in diesem Moment gerade einfallen, als würde die Musik in diesem Moment gerade entstehen.

Unlängst sah ich Dich im Fernsehen, du spieltest so, als würde der festgeschriebene Text dir in diesem Moment gerade einfallen, als würde er in diesem Moment gerade entstehen.

Du gibst deinen Zuschauerinnen und Zuschauern nicht allein das, was sie angeblich wollen, sondern das was es in dieser zum Grossteil sehr eindimensional gewordenen Medienlandschaft, die immer mehr den Einkaufszentren unserer europäischen Vorstädte gleicht, zu verschwinden droht. Du gibst Bilder von Menschen in denen wir uns wieder erkennen können. In unserer Ambivalenz, unserer Unsicherheit, Verschlossenheit, Gleichgültigkeit, unserem Geliebt-werden-wollen. Das macht dich nicht nur herausragend, sondern auch sehr liebenswert. (DER STANDARD, Print-Ausgabe, 23.6.2006)

Zum Redner

Michael Kreihsl, Theater-, Film- und TV-Regisseur, inszenierte im Kino etwa "Charms Zwischenfälle" und "Heimkehr der Jäger"

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    Senta Berger

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