"Sechs Spiele sind noch offen"

15. Juni 2006, 12:04
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Sparsam ist Portugal in die WM gestartet - An den Ansprüchen hat sich nichts geändert - Der Titel soll es sein, und Scolari weiß, wie's geht

Die Kluft zwischen dem Traum eines portugiesischen Fans, der in seine Reise zum WM-Spiel gegen Angola 1000 Euro investiert hat, und der Wirklichkeit einer solchen Auftaktpartie für einen WM-Mitfavoriten lässt sich nicht leicht durch einen Sprint überbrücken. Luis Figo hat es versucht, nachdem in Köln drei Vierterln des Kicks geleert waren und der Gedanke an Fluchtachterln schon leichte Übelkeit bereitete.

Der 33-Jährige trat nicht so sehr an, um die willigen, aber spielerisch limitierten Afrikaner aus der Defensive zu locken, er raffte sich trotz deutlicher körperlicher Verfallserscheinungen auf, um das Pfeifkonzert der Neutralen zum Verstummen zu bringen und dem eigenen, schon in Lethargie verfallenen Anhang wieder ein wenig Spaß zu bereiten. Dass der Versuch in einem Fehlpass endete, war dann gar nicht mehr so wichtig.

Den Titel "FIFA Man of the Match"hatte sich der letzte der so genannten Goldenen Generation der Portugiesen in den ersten 30 Minuten verdient. In dieser halben Stunde untermauerten er und die anderen Kicker von Trainer Luiz Felipe Scolari schon den Anspruch, den der Brasilianer nach Abpfiff recht prägnant formulierte. "Das erste Spiel haben wir in der Tasche, sechs sind noch offen. Wenn man sich die Spiele anschaut, sieht man, dass niemand souverän gesiegt hat. Wir mussten gewinnen, und das haben wir getan", suchte der 57-jährige Kritik am insgesamt matten Auftreten seiner Truppe gegen die in Würde unterlegenen "Schwarzen Antilopen"zu ersticken. Figo, ganz Kapitän, assistierte: "Was haben sie erwartet? Dass wir 5:0 oder 6:0 gewinnen. Für das erste Spiel waren wir ganz gut, und wir werden uns steigern."Zu Hause blieb es dann auch bei verhaltenem Murren: "Ein schmerzhafter Sieg im ersten Spiel, aber immerhin ein Sieg", schrieb A Bola. "Portugal holt drei Punkte auf dem erhofften Weg zum Titel, aber das war auch schon alles", schrieb Record.

Muskel sauer

Jedenfalls nicht weniger als das Finale soll es für den Vize-Europameister also werden, und Scolari weiß, wie man Weltmeister macht. Die Frage ist nur, ob "Big Phil"genügend Klasse in seiner Mannschaft hat, um wie 2002 mit der Seleção rund um Ronaldo den Titel zu holen. Figo, der Weltfußballer des Jahres 2001, hätte noch die Klasse, obwohl seine Saison bei Inter Mailand nicht berauschend war. Das hat er, der der Nationalmannschaft nach der Heim-EM vor zwei Jahren eigentlich schon den Rücken gekehrt hatte, über weite Strecken seines 119. Länderspiels bewiesen. Für 90 anspruchsvolle Minuten scheint es allerdings nicht mehr zu reichen.

Barcelonas Deco, wegen einer Knöchelverletzung gegen Angola geschont, aber am Samstag in Frankfurt gegen den Iran vermutlich wieder mit von der Partie, hat die Klasse auch. Eigentlich wäre er schon im Auftaktspiel zu bringen gewesen, "aber er soll ganz fit werden. Wir haben ihn in diesem Spiel nicht gebraucht", so Scolari über seinen "Fall Ballack".

Jungstar sauer

Und Cristiano Ronaldo, der gegen Angola per Kopf die Latte traf, sonst aber glücklos blieb, hat die Klasse sowieso. Nach einer Stunde hatte Scolari genug gesehen, holte den 21-Jährigen von Manchester United vom Feld. Ronaldo, der bei der Hymne vor Anpfiff noch eine Träne zerdrückt hatte, wirkte darob leicht irritiert, "aber wenn der Coach der Meinung ist, dass es das Beste für die Mannschaft ist, werde ich das akzeptieren".

Bleibt noch Pauleta, dem nach nur zwölf Sekunden beinahe eines der schnellsten WM-Tore aller bisherigen Zeiten gelungen wäre, der sich aber dann auch mit Torjubel nach flotten vier Minuten begnügte. Wer, wenn nicht er, Figo oder Ronaldo die Tore zum Titel schießen soll, ist die Frage. Denn der Rest des portugiesischen Aufgebots wirkt austauschbar, nur dazu da, Scolaris System umzusetzen. In den jüngsten 15 Länderspielen ist das gelungen. So viele sind die Portugiesen jetzt schon ungeschlagen.

Insofern waren auch die Angolaner mit dem allseits als historisch bezeichneten Match gegen die Auswahl des ehemaligen Kolonialherrn nicht unzufrieden. Trainer Luis Oliveira Concalves lobte nach ausgiebiger Herzung von Kollege Scolari den "Stolz"seiner Mannschaft. Das Achtelfinale hat der 49-Jährige offiziell noch nicht aufgegeben. "Zwei Spiele sind noch offen", dürfte er insgeheim zu sich selbst gesagt haben. (DER STANDARD, Printausgabe, Dienstag, 13. Juni 2006)

Sigi Lützow aus Köln
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    Simao und ein angolanischer Fuß. Portugal liegt insofern perfekt im Plan, da es sich im ersten Gruppenspiel das Punktemaxium besorgte.

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