Theater-Tipp: Monsterkostüme eines Mörders

17. Juli 2006, 16:24
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Bruno Max inszeniert "Dr. Petiot", die Geschichte eines mörderischen Pariser Arztes zur NS-Zeit, im Scala Theater

Mit den unzähligen Schauplätzen, die sich aus dem Nichts der schwarzen Wand im Scala Theater klappen lassen, hat Marcus Ganser ein Bühnenbild für menschliche Niedertracht geschaffen. In diesem szenischen Biotop sprießen die Abgründe des Marcel Petiot, jenes Pariser Arztes, der während der NS-Besetzung Fluchthilfe verkaufte, die Verfolgten ermordete und im eigenen Keller verschwinden ließ. Bruno Max' Buch und Regie zu Dr. Petiot lassen die sardonische Fantasie, mit der sich der Massenmörder zum falschen Hoffnungsträger hochstilisierte, auf die menschlicheren Gesichter eines Versuchspatrioten und edlen Kinderarztes prallen. Für ein allzu zynisches Kontrastmittel verliert sich die Sprache dabei in Brachialklischees.

Zusätzlich vertreibt Hermann Kogler als zappeliger Petiot jeglichen Wunsch, sich auf die ausgebreitete Unmenschlichkeit einzulassen. Nur Roger Murbach als hämischer NS-Recke und Gabriele Heckels resolute Mme. Kaith schaffen zeitweilig eine düstere Atmosphäre für den Stoff. Ansonsten nagt sich ein zahnloses Instrumentarium durch eine unbegreiflich kalte Charakterlandschaft. (pet/ DER STANDARD, Printausgabe, 13.6.2006)

Scala Theater
5., Wiedner Hauptstr. 108
01/544 20 70
Di-Sa bis 1. 7., jeweils 19.45
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