Im Kolosseum der wilden Herzen

12. Juni 2006, 19:32
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Luc Bondys Inszenierung von Botho Strauß's "Viol - Schändung" begegnet der Gewalt aufrichtig, niemals überdreht

Wien - In der linken Hand einen Apfel und in der rechten ein Messer - nicht zum Schälen, sondern zum Töten. Viel Zeit zum Essen bleibt in Shakespeares Titus Andronicus eben nicht. Auch wenn es die zum brutalsten Dramenschatz der Weltliteratur zählende Rachetragödie am Ende schafft, zwischen ermordeten Menschen und serviertem Ragout eine direkte Verbindungslinie herzustellen: Titus, der mit einem Verlust von 25 Söhnen aus dem Gotenkrieg nach Rom heimgekehrte Feldherr, verabreicht seiner Kontrahentin, der ehemaligen Gotenkönigin Tamora, den gekochten Sohn.

In Luc Bondys Pariser Inszenierung vom letzten Oktober bleibt das alles sehr delikat. Titus (Gérard Desarthe) und Tamora (Christine Boisson) nehmen neben dem Ragout auf den Stufen des großen Bühnenpodests stilvoll ihre Plätze ein, gurgeln Rotwein und senden Essensgeräusche über Mikroports ins Publikum des Museumsquartiers. Als die kannibalische Rezeptur verraten wird, greift man eben wieder zu den Messern. Nicht zum Schneiden. Es ist das rasende Tier Mensch, das dem Opfer zugrunde gelegt wird.

Botho Strauß hat es ins tabulose Zeitalter überführt: in dem das in der Tötungsbranche handelsübliche Geschäftsgebaren den Ton angibt. Viol - Schändung fand in Bondy einen ehrlichen Abnehmer, der in seiner Regie auch ehrlich Ratlosigkeit einarbeitet. Der Gewalt begegnet er aufrichtig, niemals überdreht. Die in einem indefiniten Rom, jedoch zu Zeiten bereits bewachten Wohnens angesiedelte Episode hüllt er in hybride Gangsteroptik.


Ein "Making-of"

Als Reflexionsbehelf zieht Strauß eine Making-of-Szene ein, in der sämtliche Figuren aus ihren Rollen fallen und ihre Sicht darlegen. Claudia, die "Regisseurin", wird im weiteren Verlauf als Relikt des "Realen" Rollen übernehmen. Das Zentrum von Strauß' Neubearbeitung ist die Vergewaltigung und Verstümmelung der Titus-Tochter Lavinia. Dem "Söhneverschleißer" hat man die einzige Tochter "entehrt". Doch eine Frau, die (von den Söhnen der Tamora) aufs Brutalste vergewaltigt wurde, der man die Zunge herausgerissen, die Hände abgehackt hat, ist eine Schande fürs Haus. Lavinia wälzt sich mit kupfernen Handprothesen vor der Kolosseumskulisse (Bühne: Lucio Fanti) lüstern im Sand.

Strauß wendet den Akt des Verbrechens in einen der Versöhnung: Lavinia begehrt ihren Schänder, und er will an ihr gut machen, was er zerstört hat! Doch Strauß wie Bondy glauben nicht daran. Wie ein Karfunkelstein blinkt Lavinia (Dörte Lyssewki) den von nicht endenwollender Rachsucht getriebenen Rest ihrer Familie an. Als würde sie sagen: Kurskorrektur! Vergesst das Morden am Lustmorden. Auch Lieben ist - Lustmorden. (DER STANDARD, Printausgabe, 13.6.2006)

Von Margarete Affenzeller
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    Szene aus Botho Strauß's "Viol - Schändung" in der Inszenierung von Luc Bondy

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