Lagerkommandant Harry B. Harris

24. August 2006, 20:17
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Herr im umstrittensten Lager der Welt

Sie haben genügend Freizeit und Zugang zu einer Bibliothek mit mehr als 2000 arabischen Büchern. Sie erhalten drei Mahlzeiten pro Tag, den religiösen Vorschriften entsprechend zubereitet. Sie können fünfmal am Tag in Ruhe beten. Pfeile, die Richtung Mekka zeigen, wurden auf die Wände gemalt. Das könnte auch aus einem Urlaubsprospekt stammen. Tatsächlich hat diese Zeilen US-Konteradmiral Harry B. Harris im Mai in der Chicago Tribune geschrieben: über sein "Etablissement", das US-Gefangenenlager Guantánamo Bay auf Kuba, die wohl bekannteste Haftanstalt der Welt.

Seit der Überstellung der ersten Gefangenen im April 2002 ist Guantánamo neben Abu Ghraib zum Synonym für die Exzesse im US-Antiterrorkrieg geworden. Die Liste der Vorwürfe ist lang: hunderte Häftlinge, die seit Jahren ohne Anklage als illegale Kombattanten festgehalten werden; Hungerstreiks, brutale Zwangsernährung, minderjährige Insassen. Seit dem vergangenen Wochenende wird den US-Behörden auch der Selbstmord von drei Häftlingen angelastet.

Harris, der seit dem 1. April als oberster Aufseher Guantánamos fungiert, sah das freilich anders: "Sie sind gerissen. Sie sind erfinderisch. Ich glaube, das war kein Akt der Verzweiflung, sondern ein (...) Akt der Kriegsführung gegen uns", sagte der Offizier in einer ersten Reaktion. So bizarr die Aussage klingen mag, sie folgte im Grunde nur der früheren Argumentation des US- Verteidigungsministeriums: Schon die Hungerstreiks der Häftlinge wurden vom Pentagon quasi als feindlicher Akt – als Teil der Strategie von Al- Kaida – bezeichnet.

Harris kam direkt nach Ende des Zweiten Weltkrieges als Sohn einer Japanerin und eines Navy-Matrosen in Yokosuka in Japan zur Welt. Als er zwei Jahre alt war, übersiedelte die Familie in die USA. 1978 schloss er die US-Marineakademie ab. Sein Spezialbereich wurde die Luftraumüberwachung. Die Feuertaufe absolvierte er im April 1985 als Offizier an Bord der "USS Saratoga". Das Schiff war an einem Vergeltungsschlag gegen Libyen beteiligt, das Terroranschläge in Europa unterstützt haben soll. 1991, während des ersten Golfkrieges, war Harris bereits im Zentralkommando der US-Marine an der Kriegsplanung beteiligt.

Doch der Offizier, den ein früherer Kamerad als "wunderbaren Hoffnungsträger" bezeichnete, wollte höher hinaus. Er studierte in Harvard und Oxford internationale Beziehungen und Ethik. Seine Ernennung zum Lagerleiter empfand er als Ehre: "Wenn wir in Guantánamo sind, dann deswegen, weil wir unser Land verteidigen", sagte er bei seiner Ernennung. In der Chicago Tribune lobte Harris vor allem die "medizinische Versorgung" der Gefangenen. Sie trage dazu bei, das Leben der Häftlinge zu verlängern. (András Szigetvari/DER STANDARD, Printausgabe, 13.6.2005)

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