Schwellenländer fordern Europa heraus

27. Juni 2006, 15:24
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Neue Wettbewerber drängen auf den Markt

Wien – China, Indien, Brasilien und Russland sind jene Länder, auf die Europa besonders achten muss. Denn viele Unternehmen in diesen Ländern haben Know-how angesammelt, viel in Forschung und Entwicklung investiert und werden jetzt verstärkt zur Herausforderung für die europäische Wirtschaft.

Und das mit rasantem Tempo, wie eine Studie von Boston Consulting ergeben hat: "Die 100 Internationalisierungspioniere aus Niedrigkostenländern sind von 2000 bis 2004 im Schnitt um 24 Prozent gewachsen und erzielen fast ein Drittel ihres Umsatzes bereits im Ausland", erklärt Antonella Mei-Pochtler, Geschäftsführerin von Boston Consulting. Vor allem die Branchen Automobil, Maschinenbau, Konsumgüterelektronik, Chemie und Energie/Rohstoffe müssten sich auf einen neuen Wettbewerb einstellen.

Der indische IT-Dienstleister Infosys oder das chinesische Unternehmen Hisense, die bereits Marktführer bei Flachbildschirmen in Frankreich sind, gelten als Paradebeispiele für den Sprung auf den Weltmarkt.

Aus über 3000 Unternehmen aus zwölf Schwellenländer wurden die Top 100 "Global Challengers" gefiltert, die einen Mindestumsatz von einer Milliarde US-Dollar erzielen, davon mindestens zehn Prozent im Ausland. Demnach stammt der Großteil der "Herausforderer" aus Asien: 44 Unternehmen aus China, 21 aus Indien, 18 aus Brasilien, sieben aus Russland – der Rest aus Ägypten, Russland und der Türkei gelten als Hauptkonkurrenten für Europa.

Für ThyssenKrupp, voest oder Magna Steyr gilt der indische Komponentenhersteller Bharat Forge als "Herausforderer". Für Volvo Trucks, MAN oder DaimlerChrysler könnte der chinesische Lkw-Hersteller CNHTC gefährlich werden und BASF, Bayer oder Degussa sollten das indische Chemieunternehmen Reliance im Auge behalten.

Verbünden

Die 100 Herausforderer beschäftigen zusammen 4,6 Mio. Mitarbeiter und setzten 2004 satte 715 Mrd. US-Dollar um. 28 Prozent davon wurden bereits im Ausland lukriert. Im globalen Kampf profitieren sie von niedrigen Kosten und profitablen Produktionen. Die neuen Mitbewerber seien aber nicht nur eine Bedrohung: "Sie sind ja immer auch mögliche Kunden, Zulieferer, Investoren oder Geschäftspartner", so Mei-Pochtler. Das Motto lautet daher: verbünden statt gefressen zu werden.

Eine große Hürde bei strategischen Übernahmen aus Schwellenländer sei kultureller Natur, wie Arcelor/Mittal zeige. "Das Lobbying, um Akzeptanz herzustellen, wird besser werden", ist Mei-Pochtler sicher. (Bettina Pfluger, DER STANDARD, Print-Ausgabe, 13.6.2006)

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