Streit in Wiener Anwaltskanzlei

3. Juli 2006, 15:57
1 Posting

Baker & McKenzie trennt sich im Unfrieden von Kerres, dieser wehrt sich gegen die Vorwürfe

Im Streit zwischen den beiden Wiener Wirtschaftsanwälten Christoph Kerres und Georg Diwok um die Zukunft ihrer gemeinsamen Kanzlei und den Verbleib im Verbund von Baker &McKenzie (B&M) sind die Fronten völlig verhärtet. (siehe ausführlicher Artikel)

"Unfreiwilliger Rücktritt"

Kerres hat den Austritt der Kerres &Diwok Rechtsanwälte Gmbh (K&D) von B&M, der aus Haftungsgründen als Schweizer Verein organisiert ist, verkündet. Kurz darauf wurde von B&M der "unfreiwillige Rücktritt" von Kerres bekannt gegeben, der erste Hinauswurf eines Partners in der B&M-Geschichte. Diwok hingegen will mit dem Großteil der Wiener Mannschaft bei B&M bleiben.

Laut Kerres'persönlichem Anwalt Georg Schima geht es im Konflikt nicht nur um die zuvor genannten "kulturellen Differenzen", sondern auch um handfeste Verstöße gegen das österreichische Gesellschaftsrecht und die Rechtsanwaltsordnung (RAO).

RAO-widrig gehandelt

So habe ein deutsch-österreichischer Partnerausschuss unter Führung des deutschen Managing Partners Günther Heckelmann direkt in österreichische Führungs- und Personalentscheidungen eingegriffen. In einem Fall sei der Anwalt Gerhard Hermann ohne die Zustimmung von Kerres als Partner zu K&D berufen worden - offenbar, um Kerres einen Teil seines profitablen M&A-Geschäftes wegzunehmen. Dies aber verstoße gegen die Bestimmung der RAO, wonach Dritte keinen Einfluss auf die anwaltliche Arbeit und die Führung einer Kanzlei nehmen dürfen.

"Der Schweizer Verein hat eine gesetzwidrige Organisationsstruktur", sagt Schima dem Standard. "Das Problem stellt sich auch in anderen Ländern, aber es gibt kein anderes Beispiel, wo ein Land so an einem anderen daranhängt."

Diwok weist diese Darstellung als Ablenkungsmanöver vom echten Konfliktgrund zurück. Kerres habe Hermanns Berufung mehrmals mündlich zugestimmt und seine Meinung erst als Reaktion auf eine gegen ihn gerichtete B&M-interne Untersuchung geändert. "Kerres hat die Beitrittsverträge mitverfasst und allein verhandelt, er war unser Integrationspartner. Er streitet jetzt gegen seine eigenen Verträge", sagt Diwok dem Standard. Heckelmann habe in Wien nicht in anwaltliche Tätigkeiten hineinregiert. Bei der deutsch-österreichischen Abstimmung sei es um "reine Organisationsfragen"gegangen.

Und schließlich habe der Hinauswurf von Kerres bei B&M nichts mit dessen Kündigung der Verträge zu tun, betont Diwok. Kerres lege "den wahren Hintergrund der AusEinandersetzung nicht offen".

"Keinerlei Verfehlung"

Kerres hingegen wehrt sich vehement gegen alle Vorwürfe von B&M gegen ihn. Interne Untersuchungen habe es zwar gegeben, aber diese hätten keine Verletzung seiner Berufspflichten aufgezeigt. "Selbstverständlich ist mir keinerlei Verfehlung vorzuwerfen", sagt er dem Standard. "Ich habe stets mein Berufsethos als Rechtsanwalt respektiert und immer im besten Interesse meiner Mandanten verantwortlich gehandelt."

Noch arbeiten Kerres und Diwok in der gleichen Kanzlei am Wiener Stubenring. Die von Kerres ausgesprochene Kündigung der B&M-Verträge zu Jahresende benötigt die Zustimmung von Diwok, was dieser verweigert. Deshalb wird er von Kerres geklagt. Letztlich, so Brancheninsider, geht es um die Frage, ob Kerres eine Entschädigung erhält, wenn er aus der Kanzlei ausscheidet.

Die Vorgeschichte

In der renommierten Kanzlei Kerres & Diwok, die sich 2003 dem riesigen US- Anwaltskonzern Baker & McKenzie angeschlossen hat, herrschte dicke Luft: Nachdem Managing Partner Christoph Kerres am Wochenende versucht hatte, die Kanzlei aus dem internationalen Verband herauszuführen, wurde er von Baker & McKenzie als Partner ausgeschlossen.

Das weltweite Policy Committee der US-Kanzlei habe diese Entscheidung einstimmig "vor dem Hintergrund verschiedener Vorkommnisse getroffen, die einen weiteren Verbleib von Dr. Kerres bei Baker & McKenzie unmöglich machen", hieß es in einer Presseaussendung am Sonntagabend.

Kerres, ein Experte für Unternehmensübernahmen, wollte zu den Vorwürfen im STANDARD-Gespräch zunächst nicht Stellung nehmen. Er betonte, dass er zuvor als Geschäftsführer die Mitgliedschaft der Kerres & Diwok Rechtsanwälte GmbH im Baker & McKenzie- Netzwerk rechtmäßig gekündigt habe und seine Sozietät nun wieder eigenständig sei. Der Grund für diesen Schritt dafür seien "interne Meinungsverschiedenheiten und kulturelle Differenzen zwischen österreichischen und amerikanischen Anwälten".

Tatsächlich aber hat Kerres seinen Partner Georg Diwok, mit dem er sich zuvor zerstritten hatte, über seinen am Sonntag verkündeten Schritt nicht informiert. Diwok will mit den übrigen fünf Partnern und 15 Anwälten bei Baker & McKenzie bleiben und die Kanzlei am Wiener Schubertring weiterführen. Der Austritt sei nicht rechtsgültig, weil er gegen interne Verträge verstoße. Dies sei ein verzweifelter Schritt von Kerres, die interne Untersuchung gegen ihn abzuwenden", sagte Diwok dem STANDARD.

Der Status der Wiener Kanzlei wird wohl nun vor Gericht entschieden werden. Zu Baker & McKenzie gehören weltweit 569 Partner und 3300 Anwälte in 38 Ländern. Die frühere Vorsitzende des Exekutive Committees, Christine La^garde, ist jetzt französische Handelsministerin. Unter den sonst so diskreten Wirtschaftsanwälten ist es äußerst selten, dass ein Streit so öffentlich ausgetragen wird. Andererseits hat der Beitritt zu internationalen Anwaltsverbänden auch in anderen Kanzleien zu Spannungen geführt und wurde in mehreren Fällen rückgängig gemacht. Voll integriert in eine internationale Kanzlei ist nur der große Wiener Ableger von Freshfields Bruckhaus Deringer. (Eric Frey, DER STANDARD, Print-Ausgabe, 20.06.2006/13.6.2006)

Share if you care.