"Auf Gedeih und Verderb ausgeliefert"

16. Juni 2006, 15:49
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ÖGB-Vizepräsident Karl Klein nennt die Schuldensituation im STANDARD-Interview "dramatisch", aber bewältigbar. Die Ge­werkschaft müsse sich "von Luxus trennen"

STANDARD:Sind Sie von den zwei Milliarden Schulden des ÖGB für die Bawag überrascht?

Klein: Wir haben schon in den ersten 14 Tagen nach dem Rücktritt Verzetnitschs im Präsidium des ÖGB gewusst, was uns blüht. Der Finanzstatus, den wir errichtet haben, hat diese Situationen, die jetzt ruchbar werden, schon berücksichtigt. Natürlich verunsichert die Gesamtsituation des Schadens jetzt massiv – daher haben wir darüber nicht groß geredet, weil wir die Verunsicherung nicht ad infinitum erhöhen wollten. Aber gewusst haben wir das seit April.

STANDARD: Wie waren denn damals die Reaktionen?

Klein: Wir hatten keinen Spielraum. Denn Ex-Präsident Fritz Verzetnitsch und Ex-Finanzreferent Günter Weninger haben die Verbindung zwischen Bawag und ÖGB so intensiv gestrickt, dass wir entweder nur beide in Konkurs gehen konnten oder keiner. Die beiden haben ÖGB und Bawag auf Gedeih und Verderb einander ausgeliefert.

STANDARD: War das ein Fehler?

Klein: Es war ein Fehler, den Spitzen des ÖGB-Präsidiums zu vertrauen. In der schwierigen Situation, in der sich der ÖGB schon seit der gescheiterten Reform vor Jahren befand, hätte man genauer schauen müssen, was die Verantwortlichen da wirklich tun, wenn es um die Finanzen geht. Es war immer wieder so, dass das Präsidium über einzelne Vorschläge von Weninger heftig diskutiert hat – aber im Grunde hat man ihm vertraut. Das war der Fehler.

STANDARD: Sollte es strafrechtliche Konsequenzen geben?

Klein: Gegen Weninger wird ja schon untersucht. Gegen Verzetnitsch haben wir vor allem vereinsrechtlich unsere Verantwortung wahrzunehmen, denn gegen die Geschäftsordnung hat er allemal verstoßen. Mit ihm hat der ÖGB noch ein Hühnchen zu rupfen. Es könnte sein, dass wir Schadenersatz fordern von ihm. Strukturell müssen wir erkennen, dass der ÖGB keine Vorfeldorganisation der SPÖ sein kann – das heißt: mehr Kontrolle.

STANDARD: Ist der ÖGB jetzt konkursreif?

Klein: Die Schuldensituation ist mörderisch dramatisch. Aber ich habe keine Angst, dass wir in Konkurs gehen. Wir werden auch nach dem Verkauf der Bawag ein paar Jahre Schulden haben. Aber es ist uns klar, wie wir in Zukunft den ÖGB strukturieren müssen, sodass wir in den nächsten zwei bis vier Jahren finanziell wieder Tritt fassen können. Wir können uns in Zukunft alles nicht mehr leisten, was wir unter Doppelstrukturen subsummieren.

STANDARD: Was bedeutet das konkret?

Klein: Ich möchte einen mitgliedernahen ÖGB. Wir müssen uns Strukturen, die die Zentrale anbietet, genau anschauen. Das Ziel ist Subsidiarität. Wir dürfen uns nicht das eigene Wasser abgraben und dort Personal oder Kosten einsparen, wo uns die Mitglieder brauchen.

STANDARD: Machen weitere Fusionen von Einzelgewerkschaften Sinn?

Klein: Ich habe große Probleme mit Fusionen, wenn sie nichts bringen. Nicht alles, was anders ist, ist auch schon eine Reform. Ich würde nicht Gewerkschaften krampfhaft fusionieren, die nicht zusammenpassen.

STANDARD: Wird der ÖGB Besitz verkaufen müssen?

Klein: Zuerst müssen wir die Bawag verkaufen. Wir müssen uns von all dem Luxus trennen, den wir haben – da denke ich an Urlaubsheime. Und wir müssen uns überlegen, was wir mit unseren Beteiligungen machen.

STANDARD: Ihre Partei, die ÖVP, will wie der ÖAAB die Schwäche des ÖGB nutzen. Halten Sie das für sinnvoll?

Klein: Das ist ein falscher Weg. Denn politische Parteien haben ganz andere Aufgaben als der ÖGB. Krisengewinnler können wir im Augenblick nicht gebrauchen. (Eva Linsinger, DER STANDARD, Print-Ausgabe, 13.6.2006)

Zur Person

Karl Klein (56) ist Bundesvorsitzender der Christgewerkschafter, Leiter der Abteilung für Kollektivvertragspolitik und Vizepräsident des ÖGB
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    Mit Ex-Präsident Fritz Verzetnitsch habe die Gewerkschaft noch "ein Hühnchen zu rupfen", sagt Christgewerkschafter Karl Klein. Eine Schadenersatzklage sei möglich.

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