"Reden allein bewirkt schon sehr viel"

13. Juni 2006, 06:00
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Über gesundes Managen im weitesten Sinn sprach derStandard.at mit Organisations­beraterin Irene Kloimüller

Nicht nur abgenützte Wirbelsäulen, Kreislaufprobleme und Burn-out-Erscheinungen sind Aufgaben eines betrieblichen Gesundheitsmanagements. Im derStandard.at-Gespräch plädiert Irene Kloimüller vom Institut für humanökologische Unternehmensführung für eine ganzheitliche Sicht des Gesundheitsmanagements und fordert: "Nicht das Verhalten, sondern die Verhältnisse müssen sich ändern."

derStandard.at: Was kann Gesundheitsmanagement in Betrieben bewirken?

Kloimüller: Meiner Meinung nach geht es hier weniger um Krankenstände und Fluktuationen als um Soft Facts wie Arbeitszufriedenheit und Interesse. Die harten Zahlen sagen wenig darüber aus, inwieweit die Potenziale in einem Betrieb wirklich ausgeschöpft werden.

derStandard.at: Wie sind diese Soft Facts messbar?

Kloimüller: Wir haben standardisierte Werkzeuge dafür. Wir führen Befragungen durch, schauen uns den Alltag im Betrieb an und ermitteln, wie es in puncto Arbeitsinteresse, Jobbewältigung und Zusammenarbeit aussieht. Daraus wird dann ein Ausschöpfungsprofil der Potenziale erstellt.

derStandard.at: Mit welchen Problemen kommen Betriebe zu Ihnen?

Kloimüller: Einerseits kommen Chefs von Unternehmen, die auf körperlicher Arbeit aufbauen, und beobachten, dass die Leistungsfähigkeit der Mitarbeiter zurückgeht. Andererseits wird oft über Motivationsschwund geklagt. Bei diesen Problemen ist unser Ansatz: Nicht das Verhalten, sondern die Verhältnisse müssen sich ändern.

"Nur auf Zuruf des Chefs"

Ein klassisches KMU-Problem ist, dass im operativen Tagesgeschäft keine Zeit mehr für die persönliche Weiterentwicklung und echte Kommunikation bleibt, weil alles nur auf Zurufen des Chefs basiert.

derStandard.at: Wie gehen Sie als Beraterin in diesen KMU vor?

Kloimüller: Wir versuchen, die Kommunikation zu fördern: Wir regen regelmäßige Gespräche im Team an, bei denen es um die Arbeit und um die Zufriedenheit der einzelnen Akteure gehen soll.

derStandard.at: Warum gerade im Team?

Kloimüller: Weil die einzelnen Teammitglieder einander unterstützen können: Oft gibt es Mutige, die sagen: „Das passt mir nicht.“ Und andere, die sich sonst nicht getraut hätten, meinen dann: „Mir geht’s genauso.“

derStandard.at: Was passiert, wenn Konkurrenzen auftreten, weil sich beispielsweise mehrere Beschäftigte einen Aufstieg erwarten? Die Entwicklungsmöglichkeiten in Kleinbetrieben sind ja begrenzt.

Kloimüller: Wenn es Konkurrenzen ohnehin gibt, ist es ja besser, sie werden angesprochen. Sicher: Je kleiner ein Betrieb, desto geringer ist die Bandbreite der Möglichkeiten. Aber Wege, um Jobs anzureichern, gibt es auch in Kleinbetrieben – man muss sie nur suchen.

derStandard.at: Was sind typische Hindernisse beim Beratungsprozess in einem Kleinstbetrieb?

Kloimüller: Oft sind es Familienbetriebe, die sehr patriarchisch organisiert sind: Der Chef hat Schwierigkeiten, Aufgaben abzugeben und verhindert dadurch Eigeninitiative und Zufriedenheit. Solche Probleme können kaum im Team gelöst werden, sondern nur in Form eines persönlichen Coachings mit dem Geschäftsführer.

Projektmanagement-Wissen fehlt

Außerdem fehlt es Kleinbetrieben meist an Erfahrungen mit Projektmanagement. Wir sind hier dadurch noch stärker als Organisationsberater gefordert als in Mittelbetrieben. Fragen wie "Was ist eine Projektsteuergruppe?" oder "Wie informiere ich Mitarbeiter?" müssen hier erst besprochen werden.

derStandard.at: Wie lange dauert ein durchschnittlicher Beratungsprozess?

Kloimüller: Im Schnitt nimmt der gesamte Prozess eineinhalb Jahre in Anspruch.

derStandard.at: Viele Kleinbetriebe verfügen gar nicht über die Ressourcen, um externe Berater zu engagieren. Welche Möglichkeiten haben sie, um Gesundheitsmanagement selbst in die Hand zu nehmen?

Kloimüller: Schon allein, über das Thema Motivation oder Arbeitsgestaltung zu reden, bewirkt etwas – in Form eines monatlichen Stammtisches zum Beispiel. Es muss nicht immer ein Berater sein – auch ein Referent oder eine Referentin kann mit einem einmaligen Seminar wichtige Impulse geben. Und im Internet gibt es eine Fülle an Leitfäden und Informationen, um sich eigenständig einzulesen.

derStandard.at: Ist Gesundheitsmanagement nur etwas für "gesunde" Betriebe? Unternehmen, die ums Überleben kämpfen, werden doch kaum Zeit für Stressmanagement-Seminare haben.

Kloimüller: Wir arbeiten gerade mit einem Unternehmen, das in einer schwierigen Situation ist. Die älteren Mitarbeiter im Team fühlten sich körperlich überlastet und hatten zusätzlich Angst um ihren Job. Und nun sind sie es, die ein neues Vertriebskonzept für das Unternehmen erstellen! Die Frage ist: Wie geht man mit Angst um? Es gibt keine Phase, wo man nicht einsteigen könnte. Im Gegenteil: Gerade in Krisensituationen kann die gemeinsame Auseinandersetzung mit der Arbeit den entscheidenden Veränderungsgeist bewirken, der der Firma letztlich neue Perspektiven verschafft. (mas)

Zur Person

Irene Kloimüller ist Mitbegründerin und Gesellschafterin des Instituts für humanökologische Unternehmensführung IGB. Die Medizinerin, Psychotherapeutin und Coach ist seit mehreren Jahren in der Organisationsberatung tätig

Das Interview führte Maria Sterkl.
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