ÖVP-"Stallorder" sieht Lindner vorne

22. Juni 2006, 19:16
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Mück gilt unter Stiftungsräten als Fixstarter für Posten des Informationsdirektors

Knapp zehn Wochen dauert es noch bis zur Wahl eines neuen ORF-Generaldirektors. Zwar beginnt die Ausschreibungsfrist für die ORF-Spitze erst Ende Juni und endet am 30. Juli, schon jetzt scheint aber nach Hintergrundgesprächen mit ORF-Stiftungsräten quer durch die "Freundeskreise" klar, wer das Rennen bei der ORF-Wahl am 17. August machen wird. Bundeskanzler Wolfgang Schüssel und der in der ÖVP einflussreiche niederösterreichische Landeshauptmann Erwin Pröll haben sich demnach längst auf eine Wiederbestellung von ORF-Chefin Monika Lindner geeinigt.

Lindner vor Mück

Lindner vor Mück lautet denn auch die "Stallorder" unter den VP-nahen ORF-Stiftungsräten, die für die Wahl der neuen ORF-Führung zuständig sind. Fernseh-Chefredakteur Werner Mück, der zuletzt heftig kritisiert wurde, gilt als Fixstarter für die Position des Informationsdirektors, gar nicht wenige auf konservativer Seite würden ihm auch die Führung des öffentlich-rechtlichen Senders zutrauen.

Kandidatur "Luxus"

Mück hat freilich ebenso abgewunken wie ORF-Planungschef Wolfgang Lorenz. Er werde sich nicht bewerben und gehe davon aus, das Lindner wieder Generaldirektorin werde. Angesichts des "Willens der Politik", Lindner als ORF-Generalin zu verlängern, wäre eine Kandidatur "Luxus", wurde auch Lorenz zitiert, der einer der Initiatoren der Projektreihe "25 Peaces" im von der Regierung ausgerufenen "Gedankenjahr" 2005 war.

Bewerber von außen: Klausnitzer, Brandstätter, Rabl

Mögliche Bewerber von außen dürften derzeit wenig Chancen haben. Ambitionen auf den höchsten Job am Küniglberg werden Rudi Klausnitzer, zuletzt Generalgeschäftsführer der News-Gruppe, und Helmut Brandstätter, ehemals Geschäftsführer und Chefredakteur des deutschen Nachrichtensenders n-tv und danach Chef beim Wiener Privatsender Puls TV, nachgesagt. Beide sollen zuletzt den Kontakt zu einzelnen Stiftungsräten gesucht haben. Ebenfalls im Gespräch ist der frühere ORF-Journalist und "Kurier"-Herausgeber Peter Rabl. "Ich habe eine Schiffsreise für Mitte August gebucht", dementierte Rabl jedoch unlängst im Hinblick auf den Termin der ORF-Wahl. Und er habe nicht vor, diese Reise zu stornieren.

15 Stimmen des VP-"Freundeskreises" für Lindner

Lindner kann bei der August-Wahl jedenfalls mit den 15 Stimmen des VP-"Freundeskreises" im 35-köpfigen Stiftungsrat rechnen. Eine Niederlage bei der Besetzung der ORF-Chefetage wäre für Schüssel wenige Wochen vor der Nationalratswahl eine Blamage und könnte den gut geölten VP-Wahlkampfmotor noch einmal ins Stottern bringen. Man wolle "Schüssel nicht schaden" heißt es denn auch bei jenen Stiftungsräten des ÖVP-Freundeskreises, die Lindner weniger fachlich denn politisch schätzen.

Werben um BZP

Die BZÖ-nahen Vertreter im ORF-Stiftungsrat haben zuletzt bei der Einberufung der Sondersitzung des ORF-Gremiums zwar gemeinsame Sache mit der Opposition gemacht - erstmals gab es eine absolute Mehrheit gegen die ÖVP -, bei der Wahl des ORF-Chefs wird aber mit einer Unterstützung für Lindner gerechnet.

So warnte die auf einem BZÖ-Ticket im obersten ORF-Gremium sitzende Huberta Gheneff bereits davor, auf Grund des Vorgehens bei der Einberufung der Sondersitzung auf Künftiges zu schließen. Und "Freundeskreis"-Leiter Gert Seeber zeigt sich über die Sondersitzung inzwischen gar nicht mehr so glücklich. Seeber lobte die derzeitige ORF-Führung ausdrücklich per Aussendung.

Regierungsposten für Westenthaler?

Auch beim Antrittsfrühstück des designierten BZÖ-Chefs Peter Westenthaler im Kanzleramt soll die wichtige Personalia zur Sprache gekommen sein. Westenthaler werde im Gegenzug für eine BZÖ-Unstützung Lindners noch vor der Wahl einen Regierungsposten erhalten, so die Fama über Schüssels "Frühstück bei mir". Westenthaler dementierte in der Folge energisch: "Völliger Unsinn. So stellt sich der kleine Fritzi die Politik vor." Kenner des politischen quid-pro-quo gehen dennoch davon aus, dass die fünf BZÖ-nahen Stiftungsräte für Lindner stimmen werden.

SPÖ-Betriebsräte als Zünglein an der Waage

Mit Interesse erwarten ORF-Beobachter das Stimmverhalten der SPÖ-nahen Stiftungsräte. SPÖ-Chef Alfred Gusenbauer hatte ja eine Unterstützung Lindners bisher dezidiert ausgeschlossen. Vom "Freundeskreis"-Chef Karl Krammer gibt es zwar jede Menge Kritik an Lindner, bisher aber keine Aussagen zu Wahlpräferenzen. Auf VP-Seite schreibt man die SPÖ-Stimmen unter Verweis auf die Zusammenstellung des übrigen ORF-Teams noch nicht völlig ab.

So heißt es etwa unter Mitgliedern des ORF-Gremiums, dass die Stimmen der beiden SPÖ-Betriebsräte im Stiftungsrat für Zugeständnisse bei der Bestellung eines Technischen Direktors - berichtet wird über den "Wunsch" nach einer Rückholung des früheren Technischen Direktors Peter Moosmann - beziehungsweise für ein nachhaltiges Bekenntnis zum ORF-Standort Küniglberg für Lindner durchaus zu holen wären.

Wrabetz Fixstarter

Darüber hinaus stellen VP-Stiftungsräte im Falle einer Nicht-Unterstützung Lindners durch die SPÖ im Gegenzug die Nichtunterstützung von Alexander Wrabetz bei der Wahl der ORF-Direktoren als "Drohkulisse" in den Raum. Wrabetz ist seit 1998 Kaufmännischer Direktor des ORF. "Ein Kaufmännischer Direktor ist im ORF am leichtesten ersetzbar", so ein bürgerlicher Stiftungsrat. ORF-intern gilt Wrabetz, der das Vertrauen Lindners genießt, jedoch als Fixstarter für die neue ORF-Geschäftsführung.

Gesamt werden 20 bis 25 Stimmen für Lindner erwartet

Konzessionen bei der Zusammenstellung des Führungsteams werden aber wohl - wie in der Vergangenheit - auch bei der diesmaligen ORF-Wahl eine wichtige Rolle spielen. Deshalb stünden alle Positionen zur Disposition, heißt es aus Kreisen des Stiftungsrates. In Summe kann die derzeitige ORF-Chefin am 17. August mit 20 bis 25 Stimmen im 35-köpfigen Stiftungsrat rechnen. 18 Stimmen sind für die Wahl zum ORF-Generaldirektor erforderlich. Erst danach geht es an die Suche der übrigen Direktoren, die am 21. September gewählt werden. (APA)

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