Rom geht gegen Steuersünder vor

27. Juni 2006, 15:24
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In Italien, wo das Phänomen Schwarzarbeit so verbreitet ist, dass es bereits ein Eckpfeiler der Wirtschaft ist, sollen nun Maßnahmen die Steuerhinterziehung eindämmen

Rom - Die italienische Regierung von Ministerpräsident Romano Prodi arbeitet an Maßnahmen zur Bekämpfung der Steuerhinterziehung. Nach Angaben des Vize-Wirtschaftsministers Vincenzo Visco soll vor allem die Hinterziehung der Mehrwertsteuer bekämpft werden. "Die Mehrwertsteuer ist die Abgabe, die in Italien am häufigsten hinterzogen wird. Dies muss sich nun ändern. Wir überlegen Maßnahmen, die auch kurzfristig positive Resultate geben können", sagte Visco.

Der Vize-Minister kündigte Maßnahmen zur Bekämpfung von Betrügereien zur Hinterziehung der Mehrwertsteuer beim Erwerb von Autos, in der Immobilienbranche und in der Landwirtschaft an. Außerdem überlegt die Regierung eine Senkung der Steuern für die einkommenschwächeren Kategorien.

Haushaltsdefizit

"Wenn wir ein Drittel des Geldes zurückgewinnen, das wegen Steuerhinterziehungen jährlich verloren geht, könnten wir ein Großteil unserer Defizitprobleme lösen", meinte Regierungschef Prodi kürzlich. Er versicherte, dass er auf jegliche Amnestie für Steuersünder verzichten werde. "(Ex-Ministerpräsident Silvio) Berlusconi hat in fünf Jahren 25 verschiedene Amnestien über die Bühne gebracht. Das darf ein modernes Land nicht mehr dulden", so Prodi.

Tricks

In Italien wächst die Sorge wegen der hohen Steuerhinterziehung. Nach Angaben des italienischen Wirtschaftsministeriums entgehen dem Fiskus mehr als 30 Prozent des besteuerbaren Umsatzes der Unternehmen im Land. Vor allem GmbH wenden die trickreichsten Methoden an, um sich die Steuern zu ersparen. Viele Gesellschaften verlegen ihren Sitz ins Ausland. Andere Unternehmen gründen mehrere kleinere GmbH unter den Namen von Geschäftspartnern, um von Steuerbegünstigungen für kleinere Unternehmen zu profitieren, hieß es in den Studien.

Unternehmer an forderster Front

Schätzungen von Wirtschaftsexperten zufolge werden in Italien jährlich Steuern in Höhe von 200 Milliarden Euro hinterzogen. Das sind zehn Prozent des Bruttoinlandsprodukts. Spitzenreiter unter den Steuerhinterziehern sind Unternehmer, Freiberufler und Lehrer. Die bereits als "Plage" bezeichnete Gewohnheit ist insbesondere in den reichen Regionen Norditaliens verbreitet, wo die Zahl der Unternehmer, Freiberufler und Handwerksbetriebe höher als im Landesdurchschnitt ist. In Süditalien überwiegt das Delikt bei Beamten und abhängigen Arbeitnehmern, schon deshalb sinkt hier der Prozentsatz der Steuerhinterziehung.

Die Schattenwirtschaft boomt in Italien. Der Stiefelstaat führt gemeinsam mit Griechenland die Rangliste der Industrieländer mit der höchsten Pfuscherrate an. In Italien sei die Schattenwirtschaft von 1995 bis 2000 vier Mal stärker als das "offizielle" BIP gewachsen, hieß es in einer jungen OECD-Studie. Das Phänomen Schwarzarbeit sei so verbreitet, dass es bereits als Eckpfeiler der italienischen Wirtschaft zu bezeichnen sei, hieß es im Bericht. (APA)

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