Vortrag: "Wie machen wir's uns selbst?"

12. Juni 2006, 13:07
14 Postings

Intro-Redakteurin Sonja Eismann über feministische Selbstorganisation in der Popkultur

Im Rahmen der Veranstaltungsreihe "Pop und Politik" hält die Poptheoretikerin Sonja Eismann einen Vortrag zum Thema: "Wie machen wir's uns selbst?"

"Spätestens seit den 70er Jahren lassen sich als Reaktion auf die studentischen Emanzipationsbestrebungen der 60er, die die Gleichstellung der Frau meist als Nebenwiderspruch vernachlässigten, vielfältigste Formen kultureller weiblicher Selbstorganisation beobachten. Anfang bis Mitte der 70er Jahre wurden die ersten großen, zum Teil noch bis heute bestehenden feministischen Zeitschriften wie "Ms. Magazine" in den USA oder "Courage" bzw. "Emma" in Deutschland gegründet, doch auch im Bereich populärer Musik entschieden sich Frauen vielerorten, im Grass-Roots-Verfahren der Überrepräsentation der Männer eigene Strukturen entgegenzusetzen:

1974 gründete Kristin Lems in den USA das "National Women's Music Festival", 1976 fand das erste "Michigan's Womyn's Music Festival" statt, das auch heute noch wegen seiner restriktiven Biopolitik so beliebt wie umstritten ist, und 1981 ging in Westberlin mit "Venus Weltklang" das "First International Women's Rock Festival" über die Bühne.

In den 90er Jahren erlangte die von allen Seiten viel kritisierte Mainstream-Version eines Frauenfestivals, das 1997 von Sarah McLachlan als Gegenpart zum Alternativ-Spektakel "Lollapalooza" ins Leben gerufene "Lilith Fair" große mediale Aufmerksamkeit, und die "Erbinnen" der radikalen Riot Grrrls der 90er Jahre haben mit dem ersten Ladyfest 2000 im Oregoner Olympia und der Welle an international nachfolgenden Ladyfesten bereits Geschichte geschrieben.

Doch diese aktivistische Selbstorganisation und die daraus hervorgehende Vernetzung von Frauen stellt nicht nur einen wichtigen Akt der Selbstermächtigung in einer trotz aller postulierten Gegenkulturalität männerdominierten Szene dar. Diese Veranstaltungen waren vielmehr zugleich Motor und Ausdruck einer Szene, deren wegweisende künstlerische Impulse – die innovative Geschichte des Post-Punk wäre z.B. ohne die bahnbrechenden Beiträge von Bands wie den Slits, den Raincoats oder ESG vermutlich nicht halb so spannend - aufgrund ihrer als pejorativ wahrgenommenen "weiblichen" Codierung allzu gerne ignoriert wurden.

D.I.Y.-Prinzip

Auch die Explosion informeller weiblicher Szene-Kommunikation via der durch Punk und besonders der Riot-Grrrl-Bewegung angekurbelten Fanzine-Kultur, die von Elke Zobl bereits auf grrrlzines.net dokumentiert wurde, ist ein weiteres wichtiges Element der Do-It-Yourself-Kultur, die ihren ersten Höhepunkt im Punk fand und schon damals eines der herausragendsten Instrumente weiblichen Empowerments darstellte. Dieses D.I.Y.-Prinzip, das stets implizit oder auch explizit mit politischen Forderungen nach eigenen Räumen oder Mitspracherecht etc. verknüpft war, hat sich mittlerweile als grundlegendstes Mittel feministischer Selbstorganisation etabliert, sei es bei der Gründung von Medien, der Organisation von Veranstaltungen oder Netzwerken oder bei der Formulierung politischer Forderungen. Gleichzeitig ist das Ethos des "Wir machen's uns selbst" zum Fetisch und Lifestyle-Accessoire geworden, der gerade in amerikanischen popfeministischen Magazinen oft in ein neokonservatives Betonen authentischer Handarbeit kippt und prekäre Lebenssituationen nicht mehr mit der nötigen Vehemenz kritisiert, sondern als eine dem D.I.Y-Lifestyle integrale Notwendigkeit affirmiert.

In diesem Beitrag soll die Geschichte feministischer Selbstorganisation im popkulturellen Bereich nachgezeichnet, doch gerade mit Sicht auf die jüngsten Entwicklungen auch durchaus kritisch beleuchtet werden." (Ankündigung)

Mittwoch, 14. Juni 2006,
19.30 Uhr
7stern
Siebensterngasse 31
1070 Wien

Link

Pop und Politik

Share if you care.