Herrn Hellers grüne Hand

16. Juni 2006, 14:34
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Auf den WM-Rasen in Berlin ließ man André Heller nicht - egal, er hat noch einen anderen

"Dieser Park und die Gegend haben am meisten Ähnlichkeit mit dem, was ich mir unter einem gesegneten Ort vorstelle. Er ist ein Puzzle aus verschiedenen Weltgegenden, mit großer Anmut, Kraft und Sinnlichkeit. Und die Menschen, die um mich herum wohnen, wünschen einem Gutes. Sie wollen, dass einem etwas gelingt."

Der Ort, von dem André Heller hier spricht, liegt am Gardasee. Am Westufer des Sees, dort, wo die Hügel sanfter werden und die Zypressen kerzengerade vor der blauen Seesilhouette stehen, befindet sich Gardone. Zur Jahrhundertwende zogen Industrielle aus Brescia und Mailand wegen des milden Klimas dorthin. Ebenso wie der Dichter Gabriele D'Annunzio, und später André Heller, der sich hier sein ganz persönliches Paradies zurechtgestutzt hat.

Nur wenige hundert Meter von der D'Annunzio-Villa "Il Vittoriale" entfernt liegt der Park der Villa Hruska. Der österreichische Professor Dr. Arthur Hruska, Zahnarzt des letzten Zaren, hatte hier das ehrgeizige Projekt, Alpen- und Tropenpflanzen in einer Anlage zu vereinigen und einen Weltgarten mit Feuchtgebieten und Landschaften aus Tuff zu schaffen.

Wurzelbehandlung

Inzwischen blühen im "Giardino Hruska", wie die Italiener den Park nennen, wieder tausende Pflanzenarten. Nach dem Tod des Arztes geriet der Garten am Gardasee erst einmal in Vergessenheit. Bis er André Heller auffiel, der schon früh eine Vorliebe für botanische Gärten hatte. Noch als Kind beschimpfte Heller seine Großmutter als "Verräterin", weil sie ihm nicht erlaubte, im Wiener Botanischen Garten einzuziehen.

Als André Heller die venezianisch anmutende, eingestürzte Villa und den Park in Gardone Riviera mit dem Blick auf den See zum ersten Mal sah, dachte er noch, dass so etwas Schönes wohl niemand hergeben werde. Doch er hatte Glück: Die Erben des Professors Hruska waren untereinander zerstritten. Und so kaufte der Künstler den Giardino Hruska mit der schlichten, weißen Villa am Rande im Jahr 1988 - zum Zeitpunkt als sein Sohn Ferdinand auf die Welt kam. "Zwei ungeahnte Wunder sind da geschehen, der Ferdinand und dieser Park", sagt Heller heute.

Der Garten ist seitdem das eigentliche Zuhause des Künstlers und die unerschöpfliche Quelle seiner Inspiration. Von einem Idyll möchte er dennoch nicht sprechen. "Ein Garten ist keine Idylle. Ein Garten ist Werden und Sterben, ein unglaublich brutaler Verdrängungsprozess, in dem die Stärksten sich durchsetzen. Dazu kommt die Angst des Gärtners vor dem nächsten Gewitter, vor Sturm und Hagel. Ich empfinde meinen Park als gefährdetes Wunder, als ein Paradies, das ich verteidigen muss."

Gegen die Verdrängung setzte sich Heller mit Spaten und Scheibtruhe zur Wehr: Er verwandelte das Unkraut in einen Zaubergarten nach seinen Vorstellungen und pflanzte 15.000 Pflanzen aus allen Erdteilen und Klimazonen. Jetzt sprießt auf Orchideenwiesen auch Edelweiß. Die Zedern aus dem Himalaya, die einst der Zahnarzt von dort mitbrachte und die nun in der Fondazione André Heller alles andere überragen, setzen zwischen Teichen, Hügeln, Tälern und Felsen Akzente. Die Felsbrocken wurden eigens für den Garten aus den Dolomiten herbeigeschafft.

Heller Märchenwald

Eigentlich braucht man nur eine Viertelstunde, um den steilen, kleinen Park zu durchqueren. Doch der Weg erscheint wie eine Wanderung durch einen Zauberwald. Da liegen, verwunschen wie im Märchen, trübe Teiche, dick bedeckt mit Seerosen inmitten von Bougainvilleenbüschen, Farne ranken sich wie zufällig dazwischen. An anderen Stellen glaubt man, im tropischen Regenwald angekommen zu sein: Dicke Bambusstämme, Palmen und Lianen lassen kaum Licht durch die grüne Pflanzendecke fallen. Meterhohe Baumfarne wuchern neben Granatäpfelbäumen. Holzstege schaffen Brücken zwischen den Pflanzeninseln und führen vom tropischen Dickicht in Parklandschaften.

Wer sich auf den kleinen Pfaden durch den grünen Irrgarten begibt, wird immer wieder von indischen Steinelefanten und bronzenen Stelen geführt. André Heller wusste die Magie dieses Ortes richtig in Szene zu setzen und installierte zwischen den Rhododendronbüschen Skulpturen von Roy Lichtenstein, Mimmo Palladino und Keith Haring. Ein Prachtstück ist auch das Gartenhäuschen des Künstlers Edgar Tezak, das als kleine Lodge frech aus dem Bambuswald leuchtet. Es fällt schwer, sich hier vorzustellen, dass André Heller dem Rasen im Berliner Olympiastadion hätte gefährlich werden können. Anreise: Über den Brenner bis zur Ausfahrt Rovereto Süd, über Riva del Garda die Westuferstraße bis nach Gardone. (Der Standard, Printausgabe 10./11.6.2006)

Von Bettina Haase

Info:

Öffnungszeiten des Giardino Hruska: bis Oktober tgl. 9-19 Uhr; Eintritt: Erwachsene 8 €, Kinder bis 11 Jahre 5 €. Restaurant: Gardone di sopra - Locanda degli Angeli, Via Caduti 1: familiäre Trattoria mit lauschigem Innenhof und liebevoller Küche. Hotel für Gartenfreunde: Du Lac et du Parc in Riva del Garda. Nietzsche, der 1880 im damaligen Hotel du Lac wohnte, schwärmte vom "immergrünen Garten am See am Rand der Stadt". Heute steht an der Stelle der alten Villa eine exklusive Hotelanlage, der Park ist weit gehend unverändert. Das Doppelzimmer mit Blick in den 70.000 m² großen Park kostet pro Person mit Frühstück ab 112 €. Hotel du Lac

Heller Garden
  • Mit rund einem Hektar Fläche ist Hellers Giardino Botanico eine nicht gerade kleine Galerie.
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    Mit rund einem Hektar Fläche ist Hellers Giardino Botanico eine nicht gerade kleine Galerie.

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