Angebliche Energiekrise als Match Produzenten versus Konsumenten

12. Juni 2006, 08:56
5 Postings

An der Energiekrise, die angeblich von der österreichischen EU-Präsidentschaft so toll gelöst wurde ist nichts dran - Von Caspar Einem

Russland ist der bedeutendste Gaslieferant Europas, allerdings mit dem Nachteil, nicht unmittelbarer Nachbar der Hauptkonsumenten seiner Gaslieferungen zu sein. Ursprünglich, noch zu Zeiten der Sowjetunion, gab es bloß eine große Pipeline zur Belieferung der EU-Kunden. Sie verläuft in der Hauptachse durch die Ukraine und verzweigt sich dann in der Slowakei in einen größeren Ast durch Tschechien weiter nach Deutschland und einen etwas kleineren weiter nach Österreich. Und der geht dann einerseits hauptsächlich weiter nach Italien, teils zu österreichischen Abnehmern und teils weiter via Deutschland nach Frankreich. Dieser Leitungsverlauf wurde für Russland ab dem Moment zum Problem, als Russland und Ukraine nicht mehr in der Sowjetunion vereint waren. Denn die Ukraine saß zwar an der Leitung, konnte aber die eigenen Gasbedürfnisse nicht selbst stillen und die russischen Lieferungen nicht voll zahlen. Das war unangenehm für Russland, denn die Ukraine konnte den Weitertransport behindern bzw. Gas entnehmen, ohne zu zahlen. Das ist der Typ von Krise, der auch den Jahreswechsel 2005/06 begleitet hat. Nicht ungewöhnlich und nicht neu.

Russland und Gasprom haben daher schon vor Jahren eine zweite Leitung geplant und inzwischen gebaut: durch Weißrussland und Polen nach Deutschland. Vorteil: die Lieferungen gehen nicht mehr (nur) durch die Ukraine. Die einseitige Erpressbarkeit des Lieferanten durch einen armen (Zwischen-) Abnehmer konnte beseitigt werden. Nachteil: auch die neuen Transitländer sind arme Abnehmer und haben Erpressungspotential. Ziel Russlands daher: eine Leitung ohne Zwischen-Erpressungspotential. Die wird nun gebaut: direkt von Russland über die Ostsee nach Deutschland. Konsequenz: diejenigen, die bisher Druck ausüben konnten (Polen) und die, die gern auch in diese Position gekommen wären (baltische Staaten), finden die direkte Verbindung zwischen Russland und Deutschland ausgesprochen unfair. Denn sie bietet ihnen keine Spielchancen.

Aber wie sehen das die bisherigen Hauptabnehmerländer? Die russische Strategie, sich der einseitigen oder der zweiseitigen Erpressungsmöglichkeit zu entziehen, ist zunächst im Interesse der zahlenden Kunden. Ihre Belieferung wird sicherer. Aber die Abhängigkeit von Russland steigt. Das ist der Grund, warum nun auch eine lange Gasleitung von Kasachstan im Süden via Türkei und Balkan nach Österreich und weiter nach Deutschland bzw. Italien gebaut werden (Nabuco) und die Gas nach Europa liefern soll, das nicht aus Russland kommt. Nachteil dieser Leitung: sie durchläuft mehrere Möchtegernabnehmerländer, die schlecht zahlen können.

Daher realisiert die OMV jetzt auch noch die Möglichkeit der Gasanlieferung über verflüssigtes Erdgas via Krk (Kroatien). Weil das macht den Bezug unabhängig von einzelnen Quellen und von Pipelines durch arme Länder.

Energiekrise? Nein. Ein bloßes Match um strategische Vorteile zwischen Rohstofflieferanten, zahlungsfähigen Konsumenten und zahlungsschwachen Abnehmern. Eine Übergangssituation zwischen fossilen Brennstoffen und der Zeit danach. Aber für die nächsten 30 bis 40 Jahre ein spannendes Match.

"Fremde Feder" ist eine Kolumne auf derStandard.at für KommentatorInnen von außen. Caspar Einem, ehemaliger Wissenschafts-, Verkehrs- und Innenminister, ist Europasprecher der SPÖ und Vorsitzender des Bundes Sozialdemokratischer AkademikerInnen (BSA).
  • Artikelbild
    foto: derstandard.at
Share if you care.