Kein Kaffee und keine Kekse im Ramadan

21. Juli 2006, 15:54
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Transkulturelle Pflege und Psychiatrie in Linzer Kinderklinik und Nervenklinik

- von Markus Rohrhofer

Linz - "Es geht vor allem ums Gefühl, einfach um die nötige Sensibilität."- Transkulturelle Pflege hat für Susanne Pfoser, Pflegeleiterin der Anästhesieabteilung der Landes-Frauen- und Kinderklinik Linz, viel mit Menschlichkeit und Respekt zu tun. Gerade im medizinischen Bereich hätte man in Integrationsfragen einen "gewaltigen Aufholbedarf", ist die diplomierte Kinderkrankenschwester im Gespräch mit dem Standard überzeugt.

Die Zahl der Patienten mit nicht deutscher Muttersprache sei stetig im Steigen, entsprechende Aus- und Fortbildungen beim Pflegepersonal unbedingt notwendig, zumal interkulturelle Betreuung mehr als rein medizinische Belange umfasst.

Sensibler Respekt

"Es ist wichtig, dass das Pflegepersonal andere Kulturen kennt und entsprechend damit umgeht. Wenn man zum Beispiel im Vorfeld weiß, dass muslimische Männer aus Glaubensgründen fremden Frauen nicht die Hand geben, lassen sich mögliche Unstimmigkeiten vermeiden: Der Muslim fühlt sich respektiert und die Pflegerin weiß, dass dies kein Zeichen von Unhöflichkeit ist", erzählt Pfoser aus der Praxis. Ähnlich würden sich auch peinliche Situation vermeiden lassen, wenn man "als Pflegeperson weiß, wann Ramadan ist und nicht genau in dieser Zeit Kekse und Kaffee kredenzt".

Die OÖ Gesundheits- und Spitals AG (gespag) bietet ihrem Personal derzeit mit den Kursen "Transkulturelle Pflege von Patienten fremder Kulturen"und "Transkulturelle Pflege im Bereich Geburtshilfe und Gynäkologie"zwei entsprechende Kurse an.

Multikulti-Ambulanz

In einem weiteren gespag-Haus findet sich Oberösterreichs erste interkulturelle Ambulanz. Die Landesnervenklinik Wagner-Jauregg ist seit rund einem Jahr die einzige Anlaufstelle für ausländische Psychiatriepatienten. "Wir mussten handeln, da diese Patientengruppe in den letzten Jahren enorm gewachsen ist", erläutert Oberarzt Robert Frühwirth, Initiator der Multi-Kulti-Ambulanz, im Gespräch mit dem Standard.

Gerade in der Psychiatrie sei die Sprache oft der Schlüssel zum Erfolg. "Wenn sich da Patienten nicht verständigen können, wird es schwierig", sagt der Psychiater. Zum fixen Team gehören neben Ärzten, Psychologen und Psychotherapeuten auch zwei Dolmetscher. "Wir haben sehr viel Patienten mit schweren Kriegstraumata, etwa aus Tschetschenien", sagt Frühwirth. Derzeit ist die Ambulanz zwei mal zwei Stunden pro Woche besetzt, ob des großen Ansturms ist aber eine Erweiterung auf 20 Stunden geplant. "Transkulturelle Pflege ist eines der Zukunftsthemen im Gesundheitswesen, ein Ausbau in vielen Bereichen ist unbedingt notwendig." (Markus Rohrhofer, DER STANDARD Printausgabe 12.6.2006)

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