Gesunde Gastarbeiter - kranke Migranten

21. Juli 2006, 15:54
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Sie kamen als besonders gesunde Arbeiter und wurden in Österreich zu immer krankeren Ausländern

Migration ist belastend. Migration kann krank machen. Zwei Drittel der Österreicher sind mit ihrer Gesundheit zufrieden, bei den Migranten ist es nur ein Zehntel. Das Gesundheitswesen öffnet sich langsam für migrantische Patienten. - von Lisa Nimmervoll

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Wien - Sie kamen als besonders gesunde Gastarbeiter und wurden im Lauf der Jahre in Österreich zu immer krankeren Ausländern - im Vergleich zur österreichischen Mehrheitsgesellschaft leben Migranten in "prekären, schlechteren Verhältnissen", die so auf die Gesundheit durchschlagen, dass der Soziologe Christoph Reinprecht von der Uni Wien im Standard-Gespräch von einem "durchwegs schlechteren Gesundheitszustand von Migrantinnen und Migranten"spricht.

"Aktiv ins Alter"

Reinprecht leitete das von der Stadt Wien finanzierte WHO-Projekt "Aktiv ins Alter", bei dem 215 Österreicher und 120 Migranten aus der Türkei und Ex-Jugoslawien (alle über 55 Jahre) interviewt wurden über Gesundheitsstatus, -verhalten, -versorgung und allgemeine Lebenswelt.

Migration ist belastend"

Es zeigten sich große Unterschiede, besonders vor dem Hintergrund, dass die Wissenschaft vom "healthy migrant"-Effekt spricht, der offenkundig kippt: "Migranten haben meist einen überdurchschnittlichen Gesundheitsstatus, weil Migration an sich hohe Kosten und Aufwand bedeutet. Migration ist belastend", erklärt Studienleiter Reinprecht. Die ersten Gastarbeiter mussten sich in den Anwerbestellen Gesundheits-Checks stellen.

Das WHO-Projekt zeigte, dass die Gesundheit der Migranten geschrumpft ist: Während sich zwei Drittel (67 Prozent) der Österreicher mit der eigenen Gesundheit subjektiv "zufrieden"zeigen, sind das in der Migrantengruppe nur etwas über ein Zehntel (14 Prozent). Das Wort "glücklich"nehmen 63 Prozent der Österreicher für ihre Lebenszufriedenheit in Anspruch, aber nur 12 Prozent der Menschen mit Migrationshintergrund. Ähnliche Zufriedenheits-Differenzen zeigen sich bei der Freizeit (72 Prozent Österreicher und 19 Prozent Migranten sind zufrieden) und beim Wohnen (90 Prozent zufriedene Österreicher, 33 Prozent Migranten).

Interkulturell öffnen

Reinprecht erklärt das Absacken der Gesundheitswerte durch "höheren Verschleiß in traditionell belastenderen Jobs, schlechte Wohnverhältnisse, aber auch Belastungen durch die Migration selbst, wie Trennung von der Familie, Isolation und Diskriminierung".

"Existenzbedürfnisse" dominieren

Einer Sonderauswertung des Mikrozensus zufolge haben Migranten mehr Beschwerden an der Wirbelsäule und Verletzungen der Gelenke. Migrantinnen leiden überdruchschnittlich an Kopf- und Magenschmerzen, Schlaflosigkeit und Einsamkeit. Das Gesundheitsverhalten selbst sei, sagt Soziologieprofessor Reinprecht, "sehr schichtspezifisch". In sozial schwächeren Milieus dominieren "Existenzbedürfnisse".

Problem Verständigung

Aufgrund der Sprachbarrieren tut sich im Gesundheitsbereich aber eine Kluft zwischen theoretisch gleicher, gesetzlich garantierter Zugangsberechtigung zum Gesundheitssystem und realer Inanspruchnahme durch Migranten auf: "Das größte Problem ist die Verständigungsebene. Und es gibt erhebliche Diskriminierungserfahrungen migrantischer Patienten", sagt Reinprecht. Er fordert "interkulturelle Öffnung"(Beispiele für transkulturelle Medizin in Linz und Wien unten), Einbindung von migrantischem Fachpersonal und effiziente Antidiskriminierung im Gesundheitssystem. (Lisa Nimmervoll, DER STANDARD Printausgabe 12.6.2006)

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    Fehlendes muttersprachliches Informationsangebot wird von 84 Prozent der Migranten als Hauptbarriere für die Inanspruchnahme des Gesundheitssystems genannt.

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