"Falsche Geste und Vertrauen ist kaputt"

21. Juli 2006, 15:54
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Wiener Kaiser-Franz-Josef-Spital als Beispiel für "migrantenfreundliches Krankenhaus"

- Von Marijana Miljkovic

Wien - Was tut eine Patientin oder ein Patient mit einem gebrochenen Arm, wenn der Arzt oder die Ärztin das Problem nicht versteht? Gestikulieren? Dieses zugegebenermaßen übertriebene Beispiel wirft eine Fragestellung auf, der sich in Zukunft Krankenhäuser und Ärzte sowie Pflegepersonal vermehrt werden stellen müssen.

Die ethische und kulturelle Vielfalt des Krankenhauspersonals nimmt zu - und genauso verhält es sich auch mit den Patientinnen und Patienten. Krankenhäuser sind immer mehr gefordert, sich auf Multikulturalität ein- und umzustellen.

Amsterdam-Erklärung

Das Wiener Kaiser-Franz-Josef-Spital hat Initiativen zur Förderung der Interkulturalität des Gesundheitswesens gesetzt. Es hat bei einem EU-Projekt "für migrantenfreundliche Krankenhäuser"mitgemacht und arbeitet an der Umsetzung der beim Projekt entstandenen "Amsterdamer Erklärung". Aus dieser Erklärung geht hervor, dass der Gesundheitsszustand von Migranten und ethnischen Minderheiten oft schlechter sei als der der durchscnittlichen Bevölkerung. Aufgrund ihrer meist schwächeren sozioökonomischen Stellung und auch traumatischer Migrationserlebnisse seien sie verwundbarer als andere Gruppen.

Drei Punkte für "migrant friendly"

Drei Punkte tragen laut Margit Endler, der ärztlichen Direktorin des Kaiser-Franz-Josef-Spitals, dazu bei, dass ein Krankenhaus "migrant friendly" werde: "Die Dolmetschfrage, die kulturelle Kompetenz des Personals und das Gesundheitsbewusstsein der Patienten."

Aufgrund der geringeren Sprachkenntnisse würden Migranten Gefahr laufen, nicht dieselbe Qualität bei Diagnose, Behandlung und Präventivmaßnahmen zu erhalten, sagt sie zum Standard.

"Andere Länder, andere Sitten"

"Andere Länder, andere Sitten" heißt der Workshop des Spitals, bei dem Vorträge auf Türkisch für schwangere Migrantinnen und deren Partner abgehalten werden, aber auch Referate für das Personal, wie es mit Patienten anderen kulturellen Hintergrunds umgehen soll. "Mit einer falschen Geste kann man das Vertrauen sofort kaputtmachen", sagt Margit Endler. Migranten hätten auch ein anderes Schamgefühl. "Die Ärtze achten hier noch mehr auf die Intimsphäre. Viele Patienten kommen aber auch viel zu spät, von Vorsorge ist da keine Rede", klagt Spitalsdirektorin Endler.

Sie wünscht sich, dass in Zukunft nach deutschem Vorbild mehr Migranten der zweiten und dritten Generation beruflich in das Gesundheitswesen eingebunden werden und so die Betreuung von Patienten leichter wird. ( DER STANDARD Printausgabe 12.6.2006)

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