Du musst WM schauen!

31. Juli 2006, 15:42
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Ist es nicht ein Segen, dass sich unser Staatsfernsehen auf zwei Kanälen ausbreiten kann?

Ist es nicht ein Segen, dass sich unser Staatsfernsehen auf zwei Kanälen ausbreiten kann? In der gefühlvollen, virtuos kontrapunktisch komponierten Abstimmung der Programminhalte von ORF 1 und 2 bieten sich immer Alternativen. Dieses Hand-in-Hand für jeden Geschmack macht sich besonders in Fußball-WM-Zeiten bezahlt.

Höchster Exponent des Yin und Yang auf ORF 1 und 2 ist das abendliche Flaggschiff, die Primetime. Täglich WM-Spiele auf dem einen - da hat sich der andere Kanal zu profilieren. Die Avantgardisten der ORF-Programmmacher versüßen da die Abende des ambitionierten, WM-verweigernden GIS-Zahlers mit anspruchsvollem, ausgewogenem und abwechslungsreichem Oeuvre.

Man hätte Angst haben können, dass einfach in niedrige Schubladen gegriffen werde, um etwa aus altbackenen Geschlechterklischees zu schöpfen. Dass man sich aus falschem Gerechtigkeitsgefühl dazu entschließen würde, nach Schnulzen, Rosamunde Pilcher und Konsorten, oder gar Volkstümlichkeiten wie den "Weißblauen Geschichten" zu greifen. Aber nein: Nicht nach dem Klischee "Schauen wir, dass die Frau in den Bierholpausen auf dem kleinen Fernseher in der Küche auch was Adäquates hat" wurde ausgewählt, keine hirnlose Schnulze wurde der Ballverfolgung gegenüber gestellt.

Ironie reicht nicht aus, und an der WM führt kein Weg, schon gar nicht der über ORF 2, vorbei: Ich bin jetzt auch Trinidad- und Tobago-Fan. Aber nur, weil ich nicht "Bingo" schauen wollte. (pum/DER STANDARD, Printausgabe, 12.6.2006)

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