Der Marathon Mann

11. Juni 2006, 20:53
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John Schlesingers Film ist seit 30 Jahren einer der packendsten Thriller der Filmgeschichte

Der Marathonlauf ist eine Möglichkeit, Zeit und Raum als gewaltige Kräfte zu begreifen. Beim Film verhält sich das nicht anders. Jeder Film ist eine Versuchsanordnung, in der es um die Dimensionen als Kraftfelder geht. Geschichten sind das, was entsteht, wenn Zeit und Raum ihre Kräfte messen.

John Schlesingers Thriller "Marathon Man", in dem es um Geschichtsbewältigung - einerseits des amerikanischen Erbes McCarthys, andererseits jenes einer deutschen Nazi-Größe - geht, bringt zweierlei auf grandiose Weise zur Deckung: die Distanz des Marathons und die Raumschöpfung des Films, wobei deutlich wird: Atemlosigkeit ist etwas, was sich beide absolut nicht leisten können - der Marathonläufer genauso wenig wie der Regisseur. Im Gegenteil müssen sie vor allem eines sein: Ökonomen der Zeit.

Auch deshalb ist "Der Marathon Mann" seit 30 Jahren einer der packendsten Thriller der Filmgeschichte. Die Zeit, die sich Regisseur John Schlesinger nimmt, um seine Protagonisten Dustin Hoffman, Laurence Olivier und Roy Scheider nach einem großartigen Drehbuch, verfasst von William Goldman, ins Spiel zu bringen, wünscht man auch jenen neueren Actionfilmen, deren extreme Kurzatmigkeit so oft in extensive, große Langeweile beim Betrachter mündet.

Suspense ist dagegen das, was entsteht, wenn sich die Kamera beispielsweise für den Lauf einer Flipperkugel interessiert, wenn sie den Schatten nachzeichnet, der an den Beinen eines Läufers rund um den Central Park klebt, wenn sie behutsam einen Kinderwagen in den Blick nimmt, der schließlich explodiert oder wenn das Licht ausgeht, um den Mann in der Badewanne - und mit ihm den Zuschauer - für eine nachtschwarze Ewigkeit in ein lichtloses Loch zu werfen. Danach überstürzen sich die Ereignisse, der Film geht zum Spurt über.

Thomas Babington Levy, dargestellt von Dustin Hoffman, ist zunächst nur einfach ein Geschichtsstudent in New York. Täglich trainiert er, läuft Runde um Runde, immer am Gitter des Sees im Central Park entlang - ohne zu ahnen, dass sich daraus ein Rennen ums Leben entwickeln wird. Er arbeitet an seiner Dissertation über die McCarthy-Ära, die zur Abrechnung mit der eigenen Familiengeschichte gerät. Dann ist es aber gerade sein Bruder "Doc" (Roy Scheider in einer seiner besten Filmrollen), der den Marathon-Mann in einen Lauf um Wahrheit und Lüge hetzt.

Ein Wettlauf um Vertrauen und Verrat - bis hin zum großartigen Showdown mit Laurence Olivier, den als psychopathischen Nazi eine einzige Frage umtreibt, die zu einem berühmten Filmzitat wurde: "Is it safe?"

Levy kennt die Antwort nicht. Wie sollte er?

Auch die Wahrheit speist sich aus dem Kampf von Zeit und Raum und ist nie gesichert. (DER STANDARD, Printausgabe, 12.6.2006)

Von Gerhard Matzig
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    cover: süddeutsche cinemathek
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