Heuck: "Saids Geschichte"

22. Juni 2006, 15:21
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Die Botschaft "Das Glück lässt sich nicht erzwingen" hat die Autorin mit verzaubernder Sprache in eine reizvolle Binnenerzählung verpackt

Sigrid Heuck zog es immer wieder in die Ferne. Sie reist noch heute gern - und führt stets Tagebuch. Es ist Grundlage für ihre Geschichten. Alles, worüber sie schreibt, muss sie mit eigenem Auge angeschaut, am besten mit allen Sinnen aufgesogen haben, um aus dem äußeren zum inneren Erlebnis zu gelangen.

Für ihren märchenhaften Roman "Saids Geschichte oder Der Schatz in der Wüste", erstmals 1987 erschienen, reiste sie durch die Sahara. Als Kind träumte sie, Schlangenbeschwörerin auf dem Hauptplatz von Marrakesch zu sein und fand sich auf dem Rücken eines Kamels in einer Reisegruppe wieder, um so authentisch vom Leben der Tuareg mehr zu erfahren als aus Büchern. Sie wollte Bilder, Farben, Klänge, Gerüche aufspüren. Das Schlangenbeschwören gehörte längst dem Reich der Kindheit an. "Unerreicht schön" fand Sigrid Heuck später ihre Erlebnisse als Schatzsucherin in der Wüste: Einsamkeit und Stille zogen sie an, nicht weniger aber das bunte Treiben auf orientalischen Märkten mit ihrem exotischen Flair und den wunderlichen Objekten: Geschirr, Schmuck, alte Perlen, Gewebe.

Mit solchen Schätzen brachte Sigrid Heuck auch die Geschichten des Hakayati Said mit nach Hause. Sie wob sie, einem Teppich gleich, in die faszinierende Haupterzählung um den 15-jährigen Tuareg Abouli kunstvoll ein. Dieser reitet erstmals in seinem Leben mit dem Vater in einer Karawane durch die Sahara. Auf der Rückreise taucht unerwartet der Märchenerzähler Suleiman auf, der mitreisen darf, wenn er den Männern Saids Geschichte preisgibt, die Geschichte eines Jungen, der Nordafrika durchstreift, um einen ihm verheißenen Schatz zu finden. Doch wird er am Schluss - der Roman endet überraschend - ganz und gar alles verlieren. Er ist arm an Geld und Gut, dabei reich an menschlicher Erfahrung.

Keine Frage, dass Saids Geschichte auch die von Abouli ist, dass beide Erzählstränge fantasievoll verknüpft sind. Ihre Knoten und Muster sind aus einer verzaubernden Sprache. Und die Philosophie dieser von Mythos und Magie durchwirkten Rahmenhandlung mit ihrer reizvollen Binnenerzählung? Das Glück lässt sich nicht erzwingen, liegt auch nicht im Materiellen, ist tief vergraben im Menschen selbst. Keine Sorge: Die Autorin versteckt die Botschaft meisterhaft, versorgt den Leser vielmehr mit allerhand nützlicher Information, einer hübschen Bildkarte ihrer abenteuerlichen Route und allerhand Fundsachen, die sie, bekannt als vorzügliche Zeichnerin, in den Text streute: gemasertem Holz, Felsenbildern, einem Skorpion, Halsketten aus bunten Steinen. Dazu das wohl 3000 Jahre alte Kalaha-Spiel für zwei Partner. Wer Sigrid Heuck in ihrer alten Mühle in Oberbayern besucht, wird vielleicht dazu eingeladen. (DER STANDARD, Printausgabe, 12.6.2006)

Von Hans Gärtner
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    cover: süddeutsche junge bibliothek
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