Heinz Trenczak: ... denn sie wissen nicht, was sie senden

17. August 2006, 21:50
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Oder: wie kommt man vom ORF zum ÖRF? Ein programmatisches Interview mit Heinrich von Hoffer

Oder: wie kommt man vom ORF zum ÖRF? Ein programmatisches Interview mit Heinrich von Hoffer* zu Risiken und Nebenwirkungen bei der gegenwärtigen Debatte um den Österreichischen Rundfunk.

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HT: Wenn man Sie als Quereinsteiger fragte, welche erste Reparaturmaßnahme würden Sie der Rundfunkanstalt nahe legen?

HvH: Zuvörderst bräuchte der ÖRF seine Ö-Stricherln zurück. Ihr Abhandenkommen signalisierte bereits die Talfahrt, deren Ende noch nicht erreicht ist. Das Ö soll ja nicht nur Österreichisch bedeuten, sondern daran erinnern, was öffentlich-rechtlich heißt und was dies erheischt.

HT: Und zwar?

HvH: Öffentlich-rechtlich bedeutet nicht allein gebührenfinanziert; es steht für eine Äquidistanz, eine gleich große Entfernung des Rundfunks vom Staat und vom Kapital, also für tatsächliche und nicht bloß scheinbare Unabhängigkeit. Das öffentlich-rechtliche System, daran muss erinnert werden, ist ja ein Erbe der Besatzungsmächte, die genau wussten, welche unselige Rolle die Medien während der Nazizeit spielten. Der heutige Österreichische Rundfunk (ÖRF) aber hat sich sowohl der Politik als auch dem Werbekapital an die Brust gewÖRFen, und er wurde zerquetscht; ihm kann jetzt nur noch eine Radikalreform an Haupt und Gliedern helfen.

HT: Was könnte das heißen - konkret?

HvH: Umverteilen, Profilieren und Schärfen. Unter Umverteilung verstehe ich, dass im Fernsehen viel öfter und viel länger auseinandergeschaltet werden müsste, dass also die Landesstudios selbstständiger wären und mehr Verantwortung trügen. Profilieren heißt, ein deutlich verstärkt österreichisches Programm zu produzieren und zu senden. Die derzeit praktizierte "Big Durchschalte" - sich einfach an deutsche (Privat-)Sender dranzuhängen - ist nicht nur ein Ärgernis, sondern ein Armutszeugnis ersten Ranges. Am Küniglberg scheint es tatsächlich so: "... denn sie wissen nicht, was sie senden". Und Schärfen heißt, sich der Tugenden eines kritischen, unabhängigen Journalismus zu erinnern. Was man hier an purem Verlautbarungsjournalismus täglich über das kleine Land ergießt, das ist ... - es wird überhaupt nicht mehr recherchiert!

HT: Aber ohne Werbung ließe sich ein ausgeweitetes Programm in einem kleinen Land wie diesem doch gar nicht finanzieren ...

HvH: Ohne Werbung wäre nicht das Ziel, sondern ein verhältnismäßiger Anteil des Werbeaufkommens am Gesamtbudget. Heute sind dies beim ÖRF deutlich über 50 Prozent; zwischen 20 und 25 Prozent wären adäquat. Der ÖRF ist außerdem zu groß für das kleine Österreich. Nehmen wir im Vergleich das deutsche Bundesland Nordrhein-Westfalen und den WDR, den Westdeutschen Rundfunk Köln, den größten deutschen Sender. Nordrhein-Westfalen hat rund 17 Millionen Einwohner, der WDR etwas mehr als 4000 fest angestellte Mitarbeiter/innen. Hier in Österreich leben rund acht Millionen Menschen, der ÖRF hat mehr als 3000 Mitarbeiter/ innen. Der WDR sendet ein TV-Vollprogramm, das WDR-Fernsehen, und er liefert etwa 25 Prozent des ARD-Programms zu. Darüber hinaus hat der WDR fünf Hörfunkprogramme. Der ÖRF hat zwar nominell zwei TV-Programme, aber sieht man sich einmal genauer an, wie viele Sendeminuten davon Eigenproduktionen sind, wird die Schieflage deutlich. Dazu kommen zwei Radioprogramme und FM4. Vom Nepotismus und von der Versorgungsautomatik für Politikerkinder rede ich hier noch nicht einmal. Dabei ist so viel Potenzial vorhanden. Nehmen Sie doch nur Ö1, das Radioprogramm (mit Ö-Stricherln!) - welch zündende Synapsen könnten sich auftun, ließe man nur hausintern ein paar Mauern zerbröseln und Durchlässigkeit geschehen ...

HT: Ist es nicht ein wenig naiv, z. B. Hörfunkleute Fernsehen machen zu lassen ...?

HvH: Da kann ich nur antworten: "Fantasie an die Macht!" Man muss sich wieder an den ursprünglichen Auftrag erinnern, an die Anfänge, als man noch experimentierte, den Mut hatte zu spielen, und man darf sich nicht dem Diktat der Quoten und der Kommerz-TV-Stromlinienförmigkeit beugen! Rundfunk in seiner öffentlich-rechtlichen Ausprägung hat - man kann es nicht oft genug predigen - den Auftrag zur Information, zur Bildung und zur Unterhaltung, und zwar genau in dieser Reihenfolge!

HT: Das klingt, als plädierten Sie für ein neuerliches Volksbegehren in Sachen ÖRF ...

HvH: Mein Votum, ich sagte es schon, lautet: eine ÖRF-Reform an Haupt und Gliedern, und ich bin sicher, dass die (gebührenzahlenden) Hörer/ innen und Zuschauer/innen dies auch insofern honorierten, als sie bereit wären, zum ÖRF zurückzukehren bzw. ihm nicht mehr und mehr wegzulaufen und - vielleicht, vielleicht - sogar ein wenig mehr für ein Programm zu zahlen, das sie zu Recht als ihr eigenes Programm erkennen und akzeptieren könnten. Aber es müssen die Anstrengung und die Mühe spürbar werden, die Menschen ernst zu nehmen und das Publikum (und Publikum heißt Öffentlichkeit) nicht länger für dumm zu verkaufen.

HT: Zum Schluss vielleicht noch eine konkrete Maßnahme, die Sie empfehlen?

HvH: Ein Steckenpferd von mir ist der Dokumentarfilm, der realistische Film, jener, der die Wirklichkeit erkundet, erforscht und sicht- und hörbar macht, was tatsächlich in der Welt passiert. Aber diese Filmform, und damit die Chance, das Leben besser kennen zu lernen, hat der ÖRF, von seltenen Ausnahmen abgesehen, noch immer nicht wirklich entdeckt; und das obwohl sie an anderen Orten und zu anderen Zeiten zur Hochblüte auflief. Filme von Flaherty, von Pennebaker, von den Maysles-Brüdern, von Wiseman, von Wildenhahn, um nur ein paar wenige Doku-Regisseure zu nennen, sucht man im Programm des ÖRF vergebens. Das ist, als würde man von Mozart alle Klavierstücke weglassen, ein Instrument komplett ausblenden - und glauben, man kenne das Werk dieses Komponisten zur Gänze ...

HT: Vielen Dank für das Inter ...

HvH: ... oder, als würde man behaupten, Peter Turrini habe keine Liebesgedichte geschrieben ...

HT: ... view. (DER STANDARD, Printausgabe, 12.6.2006)

* Ehrlich gesagt: Pseudonym von Heinz Trenczak

Zur Person

**geboren 1944 in Graz, absolvierte Musikstudien in Salzburg und Köln, war zehn Jahre lang TV-Redakteur (WDR-Fernehen/Musik); Filmemacher ("Zuhören Aufhören"), Fernsehmacher ("Theaterglühen"), Drehbuchautor ("Königin für einen Tag"), Grenzgänger zwischen Köln und Graz ("Ein Auto, ein Autor & Ears wide open"); in Wirklichkeit, so behauptet er, könne er nur Autofahren und Briefeschreiben.

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