Kopfweh, nachts um halb drei

29. Jänner 2007, 14:42
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Apotheker wissen aus ihren Nachtdiensten, was Menschen als Notfall einstufen: den schmerzenden Zahn, das fiebernde Kind, eine misslungene Verhütung - STANDARD-Reportage

Nächtens hält die Glocke den Apotheker in Schach. Und schon wieder läutet es. Die Apothekerin, die im Hinterzimmer auf einem Diwan geschlafen hat, steht auf, schlüpft in ihre Schuhe, richtet sich schnell die Haare und geht zur Nachtausgabe. "Manchmal habe ich Glück, und es kommt die ganze Nacht niemand", erzählt Christa Wenkoff von der Paulus-Apotheke im dritten Wiener Gemeindebezirk. Das wäre aber selten, sagt sie, meist müsse sie fünf bis zehn Personen während der Nachtstunden bedienen, inklusive der Abendstunden komme sie auf 20 bis 30 Kunden.

Notdienst als normale Dienstleistung

"In der Stadt ist es anonym. Da fährt oder geht jemand vorbei und sieht, dass die Nachtapotheke offen hat. Dann fällt ihm ein, er könnte noch dieses oder jenes brauchen und bleibt stehen - besonders dann, wenn sich schon jemand anderer anstellt", hat Wenkoff beobachtet. Und manchmal ärgert sie das, sind doch Nachtapotheken im Grunde genommen Notdienste. In der Stadt werden sie von vielen als normale Dienstleistung gesehen. Vor allem: diesen Notdienst haben die Apotheken freiwillig zur Nahversorgung mit Medikamenten eingerichtet. Kostendeckend ist er übrigens nicht: Von 18 bis 20 Uhr wird überhaupt kein Aufpreis verlangt, von 20 bis 8 Uhr in der Früh eine Nachttaxe von 3,60 Euro - ganz unabhängig davon, wie viel wirklich gekauft wird.

Dennoch: Dass jemand wirklich nur wegen einer aufgebrauchten oder vergessenen Vichy-Creme in der Nacht läutet, kommt zwar schon einmal vor, sei aber selten, sagt Wenkoff. Der Grund, warum Menschen in der Nacht Apotheken aufsuchen, sind Notfälle: Der Bogen spannt sich von Antibiotika, Augensalben und Fieberzäpfchen bis zu Babynahrung und Tampons.

Bestseller

Die Pille danach wird speziell in Wochenendnächten häufig nachgefragt. "Eine misslungene Verhütung wird als Notfall betrachtet. Wenn eine verzweifelte junge Frau dieses Medikament wirklich braucht, bekommt sie es - notfalls auch ohne Rezept", so Wenkoff. Da die Apotheke, in der sie arbeitet, in der Nähe eines Spitals liegt, benötigen viele dringend Medikamente, die ihnen auf den auch nachts offenen Ambulanzen verschrieben wurden.

Besonderer Nachtdienst

Was Wenkoff am Nachtdienst als etwas Spezielles empfindet? "Es ergeben sich nicht selten intensive Beratungsgespräche, da niemand mithört und mehr Zeit ist", erzählt die Apothekerin. Da kommt schon mal mehr als das Problem auf den Tisch, für das der Käufer eigentlich die Apotheke aufgesucht hat.

Nächtliche Besucher

Probleme ganz anderer Art bereiten ihr regelmäßigig Drogensüchtige: sowohl jene, die sich in einem Drogenersatzprogramm befinden als auch jene, die nur Spritzen kaufen möchten. Hier kommt es auf den Zeitpunkt an. Bis Mitternacht ist die Apothekerin immer wach - da kann man eigentlich alles erwerben. Danach ist es schon etwas anderes. Wenkoff: "Dass Drogensüchtige unzuverlässig und schlecht organisiert sind, ist Teil ihrer Erkrankung. Aber irgendwo gibt es Grenzen: Wenn jemand um drei in der Früh nach Spritzen verlangt, gebe ich sie ihm nicht mehr."

Nachtdienst am Land

Auch die Apotheken auf dem Land haben mit Drogensüchtigen Probleme, und das, obwohl es in kleineren Gemeinden wesentlich persönlicher als in der Großstadt zugeht. Mathilde Schupfer von der Traunapotheke im oberösterreichischen Laakirchen kennt die Gemeindemitglieder, die in Drogenersatzprogrammen sind. Trotzdem: Sie versuchen regelmäßig, ihr zusätzliche Rationen zu entlocken. "Sie erzählen dann irgendwelche Märchen, obwohl sie meistens ihre ihnen zustehenden Medikamente aus meiner Hand erhalten haben. Ich dürfte ihnen also nicht einmal mehr geben", sagt sie. Auf dem Land sind Apotheken allerdings grundsätzlich anders als in der Bundeshauptstadt organisiert. Während in Wien jede Apotheke alle neun Tage einen Nachtdienst hat, macht sie einen Zweierturnus: Sie wechselt sich Woche für Woche mit der Apotheke in der Nachbarmarktgemeinde ab.

Ländlich sittlich

Sonst geht es auf dem Land aber doch geruhsamer zu: Nach halb elf am Abend kommt nur ganz selten jemand. "Hier kennt jeder jeden. Da trauen sich die Leute nicht, mich wegen Dingen aufzuwecken, die eigentlich kein Notfall sind", erzählt Schupfer.

Als leicht irritierend empfindet sie nur jene Kunden, die im Anschluss an die Abendordination eines lokalen Arztes bei ihr die Medikamente holen, obwohl dafür in den nächsten Tagen Zeit wäre. Was wird bei ihr oft nachgefragt? "Am häufigsten die Pille danach und die Pille selbst, Schmerztabletten - hauptsächlich gegen Kopf- und Zahnweh, momentan auch Allergiemittel, Augensalben für Männer, die sich beim Schweißen die Augen verblitzt haben, sowie Arzneien für Kinder", verrät Schupfer.

Schupfer sieht darin übrigens eine der Hauptaufgaben in der Nachtapotheke: für kranke Kinder die notwendige Versorgung mit Fieberzäpfchen, Antibiotikasaft und Kopfwehmitteln sicherzustellen. Dafür steht sie gerne von der Couch im Hinterzimmer auf. (DER STANDARD, Printausgabe, Simone Mühlegger, 12.06.2006)

  • Die unterschiedliche Definition des Begriffes "Notfall" hält die Apotheker in den Nachtdiensten auf Trab. In der Stadt mehr, am Land weniger.
    foto: standard/andy urban

    Die unterschiedliche Definition des Begriffes "Notfall" hält die Apotheker in den Nachtdiensten auf Trab. In der Stadt mehr, am Land weniger.

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