"Es haben noch alle überlebt"

12. Juni 2006, 09:03
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Die Vizechefin der Erste Bank, Elisabeth Bleyleben-Koren, vermisst im STANDARD-Interview bei Managern zunehmend Anständig­keit und "Gspür für Unvereinbarkeiten"

STANDARD: Die Erste Bank unterhält traditionsgemäß eine gute Beziehung zur Bawag. Ohne Staatshaftung und den 450-Millionen-Euro-Rettungsanker der Konkurrenzbanken...

Bleyleben-Koren: ...hoffentlich ist das kein Anker, der zieht einen ja hinunter.

STANDARD: Also, ohne Rettungsring wäre die Bawag tot. Hat Sie das alles überrascht?

Koren: Ja. Wobei unsere Nothilfe sinnvoll ist, weil die Causa Bawag auf den gesamten Finanzplatz Österreich abfärbt. Unsere Investoren waren sofort verunsichert, haben gefragt, ob man hier überhaupt noch investieren kann. Ich persönlich bin fassungslos darüber, was da alles passiert ist. Wie da ganz selbstverständliche Reglementierungen nicht eingehalten wurden - und wie den Verantwortlichen das Gefühl dafür abhanden gekommen ist, was man machen kann und was nicht.

STANDARD: Haben Sie dann gleich in der eigenen Bank nachgeschaut, was da alles passieren könnte?

Koren: Selbstverständlich. Wir haben uns im Vorstand wie im Aufsichtsrat sofort die Frage gestellt, ob so etwas bei uns auch passieren kann - und warum es nicht passieren kann. So etwas könnte es bei uns nie und nimmer geben.

STANDARD: Was macht Sie so sicher?

Koren: Wir haben eine völlig andere Kommunikationspolitik in den Aufsichtsorganen und im Vorstand, andere Limite. Wobei diese Geschichte in der Bawag schon eine sehr spezielle Konstruktion war: Wenn Vorstand und Teile des Aufsichtsrats so eng zusammenspielen, ist es für den Rest sehr schwer draufzukommen.

STANDARD: Waren Bawag und Ex-Chef Helmut Elsner nicht immer schon speziell?

Koren: Man hatte immer den Eindruck, dass die Bawag anders geführt wird: sehr dominiert vom Vorstandsvorsitzenden, das hat mit Flöttl begonnen und sich bei Elsner fortgesetzt. Da war stromlinienförmig alles auf eine Person zugeschnitten, ist nichts geschehen, was die nicht freigegeben hat. Aber das ist kein Grund, dass solche Dinge passieren.

STANDARD: Sie sprachen von den Grenzen dessen, "was man machen kann". Sie haben doch Elsner und seinen Stil gekannt, wie er mit seinem Hund mit dem Hermès-Halstücherl über den Kohlmarkt spazierte...

Koren: ...also den Hund habe ich nie gesehen.

STANDARD: Ihre gesamte Branche hat aber doch von den Penthäusern der Bawag- und ÖGB-Chefs gewusst.

Koren: Ja, und viele Leute haben die diversen Penthouse-Geschichten für unpassend gefunden. Was mich so frappiert, ist dieser Mangel an Gspür für die Frage der Anständigkeit. In unseren Positionen muss man sehr aufpassen, dass man mit den Füßen am Boden bleibt. Ich passe da doppelt und dreifach auf.

STANDARD: Das Penthouse auf dem Dach der Erste-Bank-Zentrale, das gerade gebaut wird, wird also nicht Ihres.

Koren: Es ist weder mein noch Andreas Treichls Penthouse. Das werden Räumlichkeiten für Kunden, Konferenzen, Gästeküche. Bei uns gibt es keine Dienstwohnungen, jeder ist ausreichend bezahlt, um sich eine Wohnung leisten zu können. Und Punkt.

STANDARD: Sie selbst verdienen an die 2,5 Millionen Euro im Jahr. Was fangen Sie denn gern mit Ihrem Geld an?

Koren: Ich habe mir vor fünf Jahren einen Traum erfüllt - einen Dachausbau (lacht). Und ich kauf mir gern schöne Sachen, habe elf Nichten und Neffen, da geht schon was weg. Übrigens, meine Perlen, die Sie da gerade so anschauen: Die sind aber Geschenke. Ich liebe mehrreihige Perlenketten, je verwurschtelter, desto besser.

STANDARD: Woran liegt's, dass Manager immer öfter von der Gier besiegt werden?

Koren: Es wird ja nirgends vorgetragen, was man zu tun hat und was zu lassen. Ich habe das sicher von meiner Kindheit an mitbekommen. Mein Vater hat mich da ganz stark geprägt, und auch mein Mann. Ich bin auf der extrem strengen Seite: sehr, sehr, sehr sensibel, was Unvereinbarkeiten betrifft. Ich würde nie jemanden aus dem Freundeskreis bei seiner Karriere bevorzugen - im Gegenteil, würde ihn doppelt streng beurteilen.

STANDARD: Kommen Sie oft in Versuchung?

Koren: Nein, weil ich einen eindeutigen Ruf habe. Die Tatsache etwa, dass mein Bruder Stephan in der Bawag sitzt, würde mich nie zu einer Bemerkung hinreißen lassen, die darauf schließen lässt, dass ich irgendetwas privat von ihm gehört habe.

STANDARD: Wie wappnen Sie sich gegen das Abheben im Job?

Koren: Indem ich mich nicht mit Leuten umgebe, die nur das sagen, was ich gerne hören will. Ich spreche viel mit Mitarbeitern und Kunden. Und privat bin ich allergisch auf Cliquen und Hobbys, die der Karriere förderlich sein könnten. Wir gehen lieber wandern.

STANDARD: Im Job halten Sie sich unbequeme Neinsager?

Koren: Glaube ich schon.

STANDARD: Sie würden merken, wenn die begännen, Ihnen nach dem Mund zu reden?

Koren: Ja.

STANDARD: Ich stelle mir das Ihnen-Widersprechen besonders schwer vor: Sie sind so streng.

Koren: Oh, da kommen wir zu meinem Ruf! Ich habe ein bisserl einen anderen Ruf als ich bin. Zuerst war ich die Eisprinzessin, dann die eiserne Lady, dann das Wesen, das alles der Karriere geopfert und auch wegen der Karriere keine eigenen Kinder hat. Das ist alles nicht wahr.

STANDARD: Was ist denn wahr?

Koren: Dass ich nie in meinem Leben Karrierepläne hatte. Mein einziges Bestreben war, einen Beruf zu haben, mit dem ich mich selbst erhalten kann. Das wollte auch mein Vater für jedes seiner sechs Kinder. Und ich habe relativ spät geheiratet, mein Mann ist viel älter als ich - ich wollte aber nicht, dass ein Kind mit alten Eltern aufwächst. So war das. Was aber schon stimmt: Ich bin insofern streng, dass ich jedem alles sehr direkt sage, nicht in Watte und Seidenpapier verpackt mit einer großen gelben Masche drum herum. Ich sage meine Meinung, das schockt viele Leute - aber es haben noch alle überlebt.

STANDARD: Sie stammen aus einer angesehenen Familie, Ihr Vater wurde 1968 ÖVP-Finanzminister, war Notenbank-Präsident. Sie haben schon früh wichtige Leute kennen gelernt - mag Sie das so geprägt haben, dass Sie einen natürlicheren Umgang mit "Mächtigen" hatten als etwa ein Grazer Maturant Elsner, der sich erst hinaufarbeiten musste?

Koren: Das kann sein. Aber am meisten hat uns Korens geprägt, dass unser Vater in jeder Position ein ganz normaler, superbescheidener, legerer Mensch geblieben ist.

STANDARD: Gar kein Luxus im Neuwaldegger Koren-Haus?

Koren: Der einzige Luxus war, sechs Kinder zu haben.

STANDARD: Sie mussten schon als Mädel Ihre fünf kleinen Geschwister betreuen. Warum? Es gab eine Mutter, man hätte sich Kindermädel leisten können.

Koren: Ich habe das gern gemacht. Nach der Matura habe ich Jus studiert und daheim gegen ein bisschen mehr Taschengeld den Haushalt gemanagt: für acht Leute und vier Hunde. Das hat mir sehr geholfen für mein Berufsleben: Da habe ich gelernt zu organisieren, sehr Rücksicht zu nehmen, Kompromisse zu schließen. Und meine Mutter? War begeisterte Mutter, nicht so sehr eine begeisterte Hausfrau und sehr viel mit meinem Vater unterwegs. Für sie kam immer mein Vater an erster Stelle, das war akzeptiert. Ungewöhnlich, aber es war so.

STANDARD: Hatte es die Koren-Tochter leichter als andere, Karriere zu machen?

Koren: Ich fand viele offene Türen vor. Aber ich habe mich überall extrem bemüht zu zeigen, dass ich wirklich etwas arbeiten will und etwas kann. Daher war diese immer wiederkehrende Frage, ob es Frauen nicht viel schwerer haben im Beruf als Männer, für mich nie relevant. Ich wollte zeigen, dass ich arbeiten kann - obwohl ich Koren heiße.

STANDARD: Was die Dominanz des Vaters betrifft, gibt es ja durchaus Parallelen zu Ihrem Vorstandschef Andreas Treichl, dessen Vater CA-Generaldirektor war. Sie haben in den Achtzigern den Bereich Großkunden der Ersten gemeinsam mit Treichl geleitet - und auf Teufel komm raus mit ihm gestritten. Er habe rot, Sie grün gesagt, er sei kreativ und spontan, Sie überlegt, haben Sie einmal erzählt. Mittlerweile klappt es hoffentlich besser?

Koren: Also dass wir beide dominante, wiewohl sehr unterschiedliche, Väter hatten, ist sicher. Auch, dass wir damals jung und sehr intolerant waren. Aber seit der Herr Magister Treichl 1994 von der Chase in die Erste zurückgekommen ist, haben wir keine Probleme mehr miteinander. Seit damals ist er auch mein Chef. Wir schätzen einander, wissen, dass wir sehr unterschiedlich sind, und jeder sieht den Vorteil der Ergänzung. Er ist der Stratege, ich versuche, die Strukturen reinzubringen, Dinge zu organisieren. Ich bin der, der es gewöhnt ist, in den Mühen der Ebene an den vielen kleinen Umsetzungsschritten zu arbeiten. Ich mache das auch gern. Zwei Korens oder zwei Treichls in einem Vorstand - das wäre ein Problem.

STANDARD: Zwei Treichls hätten schon die Citibank gekauft.

Koren: Ja - was immer die zwei Korens getan hätten.

STANDARD: Was hätten die zwei Korens getan? Koren: Nicht die Citibank gekauft.

STANDARD: Die rumänische BCR, für die die Erste 3,75 Milliarden Euro zahlt, hätten sie schon noch gekauft?

Koren: Ja, die schon.

STANDARD: Haben Sie nicht manchmal schlaflose Nächte angesichts des rapiden Wachstums der Erste Bank? Seit dem Börsengang 1997 ist allein die Bilanzsumme um hundert Milliarden Euro gestiegen.

Koren: Schlaflose Nächte habe ich nicht, weil die habe ich prinzipiell nicht. Aber natürlich überlege ich mir oft, wie schnell das Unternehmen wächst, welche Verantwortung und welche Probleme damit verbunden sind. Und man muss schon sagen: Wir hatten in den vergangenen neun Jahren sehr viel Erfolg.

STANDARD: Der Erfolg ist aber auch nur ein Vogerl.

Koren: Ja, und es ist uns auch ganz klar, dass wir unendlich viel Glück gehabt haben. Und irgendwann wird der Tag kommen, an dem das alles nicht mehr so gut geht.

STANDARD: Bauchweh?

Koren: Nein. Aber auch da muss man eben auf dem Boden bleiben. Jeder weiß, dass Bäume nicht in den Himmel wachsen können. Und wenn's kommt, kommt's dicht.

STANDARD: Sie sind 1986 von derselben Position weggegangen wie Treichl. Er hat die Visionen, steht im Rampenlicht, und Sie machen hinter der Bühne Ihre "Umsetzungsschritte", wie Sie die Knochenarbeit nennen. Trotzdem ist er der Chef, Sie sind nur die Zweite. Unfair?

Koren: Ich lebe sehr gut damit, und ich wollte gar nicht der Chef sein. Ich bin zu hundert Prozent zufrieden damit, wie es ist. Unvorstellbar? (Renate Graber, DER STANDARD, Print-Ausgabe, 12.6.2006)

Zur Person

Elisabeth Bleyleben-Koren (57) ist seit neun Jahren im Vorstand der von Andreas Treichl geführten Erste Bank. Die Tochter des 1988 verstorbenen ÖVP-Finanzministers und Notenbankpräsidenten Stephan K. studierte Jus, schupfte nebenbei den elterlichen Haushalt plus fünf Geschwister plus vier Hunde und begann 1973 in der Creditanstalt zu arbeiten.
Nach der Hochzeit mit ihrem um 26 Jahre älteren Ex-Chef wechselte sie in die Erste. Dort matchte sie sich von 1983 bis 1986 mit Treichl, mit dem sie den Bereich Großkunden leitete. Seit 1999 ist Koren, die als streng, kühl und sehr direkt gilt, die Nummer Zwei in der Erste Bank.
  • Streng und so unverblümt, dass es "viele schockt", aber noch niemanden umgebracht hat: Die Nummer Zwei der Erste Bank, Elisabeth Bleyleben-Koren.
    foto: standard/regine hendrich

    Streng und so unverblümt, dass es "viele schockt", aber noch niemanden umgebracht hat: Die Nummer Zwei der Erste Bank, Elisabeth Bleyleben-Koren.

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