Seine Geschichten haben Österreich verändert

4. Juli 2006, 21:51
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Journalist, Buchautor und Verleger erlag einer seltenen Zell­er­krankung - Czernin deckte Waldheim-Affäre auf - Credo als "profil"-Herausgeber: "Informieren und aufklären"

Es war einer jener Tage, die man in seinem Leben als Journalist nicht vergisst", erzählte Hubertus Czernin im Beitrag zu seinem neuesten Buch. An einem kalten Jännertag im Jahr 1986, bei einem Treffen mit einem Informanten, nahm er erstmals jene Fährte auf, die ihm im Laufe der nächsten Monate nicht nur mehrere Titelgeschichten, sondern auch internationale Aufmerksamkeit einbringen sollte.

Mit der systematischen Aufdeckung der Vergangenheit Kurt Waldheims, des damaligen ÖVP-Präsidentschaftskandidaten, schrieb der gerade 30 Jahre alt gewordene profil-Redakteur in den folgenden Wochen nicht nur hervorragende journalistische Geschichten, sondern österreichische Zeitgeschichte.

Hätte es in Österreich im Jahr 1986 einen "Pulitzer"- Preis für herausragende publizistische Leistungen gegeben, Czernin wäre der logische Preisträger gewesen.

Seine Artikel waren stets mehr als bloße Momentaufnahmen. Czernin arbeitet immer auch historisch, seine Geschichten basierten auf akribischen, zum Teil detektivischen Archivrecherchen. Wie kein anderer österreichischer Journalist gelang es Czernin damit, Texte zu verfassen, deren Gültigkeit zeitlos ist.

Dadurch wurde er auch zu einem der wichtigsten Träger jener vergangenheitspolitischen Debatten, die Österreich in den Achtzigerjahren erfasste und deren Ausläufer bis heute andauern.

Unbequeme Themen

Die von Czernin aufgedeckte Affäre Waldheim war ihr erster großer Katalysator. Davor wie danach findet sich Czernins Name immer dann, wenn es um Schatten der Vergangenheit geht: Ob es der Handschlag zwischen dem damaligen FPÖ-Verteidigungsminister Friedhelm Frischenschlager mit dem Kriegsverbrecher Walter Reder im Jahr 1985 war, die ausländerfeindlichen Tiraden, die den Aufstieg des FPÖ-Chefs Jörg Haiders begleiteten, oder, wie zuletzt, den Kunstraub der Nazis und die mehr als unzulängliche Restitution durch die Republik Österreich - Czernin suchte nie die bequemen Themen.

Sein Credo als profil-Herausgeber und Chefredakteur in den Jahren 1992 bis 1996 lautete "informieren und aufklären", den Verhaberungs- und Gefälligkeitsjournalismus verabscheute er. Distanz war für ihn eine der wichtigsten journalistischen Tugenden. Höfliche Reserviertheit strahlte er auch aus - hinter seiner Noblesse verbarg sich ein messerscharfer Geist, der seinem Gegenüber keinen Raum für Verlegenheiten ließ.

Czernin wurde am 17. Jänner 1956 in Wien in eine altösterreichische Adelsfamilie geboren. Nach seiner Matura 1974 begann er Geschichte, Kunstgeschichte und Politikwissenschaft zu studieren. Seine journalistische Karriere verlief rasant: In den Siebzigerjahren schrieb er zuerst für den Kurier und bei der Wochenpresse. 1984 wurde er profil-Redaktionsmitglied und später Ressortleiter Innenpolitik, 1992 löste er Peter Rabl als Kopf des Blattes ab. Czernins Ära endete mit einer beispiellosen Abberufung: Das Ergebnis der Koalitionsverhandlungen zwischen Franz Vranitzky (SPÖ) und Wolfgang Schüssel (ÖVP) ließ er in Anlehnung an das Märchen "Des Kaisers neue Kleider" mit einer Montage illustrieren, die einen nackten Männerkörper mit dem Gesicht des Kanzlers zeigte. Eine ironische Verspieltheit, die den Eigentümern zu gewagt war: Sie setzten Czernin kurzerhand ab.

Was folgten waren scharfe Proteste der Opposition und eine Solidaritätskundgebungen in der Marc-Aurel-Strasse, dem damaligen Sitz des Nachrichtenmagazins. Das profil- Gebäude wurde schwarz beflaggt, die Initiative "S.O.S. Medienfreiheit" gegründet. Selten zuvor und nie danach hatte sich die streitlustige Redaktion so hinter ihren Obersten gestellt.

Das vorzeitige Aus bei seinem Stammblatt (Czernin war gerade einmal vierzig) nutzte er für einen Neubeginn - in einer Sparte, die seinem Wunsch nach "gut recherchiertem, gut geschriebenem und unabhängigem" Journalismus auf österreichischem Terrain noch mehr entgegenkam: dem Verlagswesen.

Aktuelle Bücher

Von 1998 bis 1999 als geschäftsführender Gesellschafter des Molden-Verlags, danach, auch aus gesundheitlichen Gründen, mit einem "kleinen, aber feinen" Eigenverlag, setzte Czernin seinen Berufsweg fort. Unter seiner Ägide wurde der Czernin Verlag die erste Adresse für Bücher zu zeitgeschichtlichen wie aktuellen Themen. Immer wieder gab er auch jungen Autoren, von denen er überzeugt war, eine Chance.

Auch wenn Czernin aufgrund seiner chronischen Zellerkrankung, die immer wieder längeren Krankenhausaufenthalte erforderte, den Verlag in den vergangenen zwei Jahren nicht mehr selber leiten konnte, war er per E-Mail und Telefon ständig präsent. Bis zuletzt verfolgte der von seinem Krankenbett aus die österreichische Innenpolitik - mitunter genauer, als manch seiner Kollegen, die täglich in ihre Redaktion spazieren.

Hubertus Czernin, der am Samstag starb, hinterlässt seine Frau Valerie und drei Töchter. Sein Vermächtnis sind die Geschichten, die er schrieb. Sie haben Österreich verändert. (DER STANDARD, Printausgabe 12.6.2006)

Von Barbara Tóth
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