Dutzende Tote bei schweren Gefechten in Südafghanistan und Pakistan

21. Juni 2006, 16:45
posten

US-Militär meldet zahlreiche Taliban-Gefallene - Steinmeier: Besserung der Lage "realistischerweise nicht in Sicht"

Islamabad/Kabul/Berlin - Bei Gefechten in Südafghanistan und im pakistanischen Grenzgebiet zu Afghanistan sind am Wochenende nach US-Angaben erneut Dutzende von Rebellen getötet worden. Nach Mitteilungen der US- Armee kamen bei Angriffen der US-geführten Koalitionstruppen in den vergangenen Tagen in der Provinz Uruzgan 17 Aufständische ums Leben. Bei Gefechten in der Provinz Zabul seien bereits am Montag vergangener Woche vermutlich mehr als 30 feindliche Kämpfer getötet worden. Die afghanische Nachrichtenagentur Pajhwok meldete unter Berufung auf offizielle Quellen, in Zabul und der westafghanischen Provinz Farah seien am Samstag elf Rebellen ums Leben gekommen.

Gefechte in Nord-Waziristan

Pakistanische Sicherheitskräfte töteten am Samstag im halbautonomen Stammesgebiet Nord-Waziristan nach Militärangaben zwischen 15 und 20 Anhänger des Terrornetzes Al-Kaida. Armeesprecher General Shaukat Sultan sagte, Bodentruppen seien bei dem Angriff auf ein Versteck der Terroristen von Kampfhubschraubern unterstützt worden. Die Rebellen hätten in der Vergangenheit immer wieder Konvois der Sicherheitskräfte angegriffen. Seit Mitte vergangenen Jahres wurden in Nord-Waziristan nach Angaben des pakistanischen Militärs mehr als 300 Extremisten getötet. Afghanische Regierungsvertreter werfen Pakistan regelmäßig vor, den Taliban im Grenzgebiet Unterschlupf zu gewähren. Pakistans Staatschef General Pervez Musharraf hatte vor den Terroranschlägen vom 11. September 2001 in den USA die ultrafundamentalistischen Taliban unterstützt, die 1996 in Kabul mit Hilfe der pakistanischen Geheimdienste an die Macht gekommen waren. Jetzt gehört Pakistan zu den engsten Verbündeten der USA im Kampf gegen den Terrorismus. Die Führung in Islamabad erhebt zugleich Anspruch auf Mitsprache in Afghanistan.

Im Süden Afghanistans ist es in den vergangenen Wochen zu den schwersten Kämpfen seit dem Sturz des Taliban-Regimes durch US-geführte Interventionstruppen Ende 2001 gekommen. Die Taliban haben zum "Heiligen Krieg" gegen die rund 30.000 ausländischen Soldaten im Land und gegen die pro-westliche Regierung des Präsidenten Hamid Karzai aufgerufen.

In der südafghanischen Provinz Kandahar haben bewaffnete Männer vier afghanische Mitarbeiter einer indischen Straßenbaufirma überfallen und getötet. Der Vorfall ereignete sich am Samstag im Verwaltungsbezirk Maiwand, wie ein Sprecher der afghanischen Regierung am Sonntag mitteilte.

Der Geheimdienstchef von Kabul, Humayoon Aini, ist einem Anschlag entgangen, bei dem drei Menschen getötet wurden. Sein Konvoi wurde am späten Freitagabend in der afghanischen Hauptstadt von einem Sprengsatz getroffen, wie die Polizei am Samstag mitteilte. Eines der Fahrzeuge flog in die Luft, dabei wurden ein Lokalpolitiker, der Fahrer sowie ein dritter Mann getötet. Aini selbst blieb unversehrt.

Angesichts der sich verschlechternden Sicherheitslage in Afghanistan sind in der deutschen Regierungskoalition Meinungsverschiedenheiten über den Einsatz der Bundeswehr in dem zentralasiatischen Land aufgetreten. Der Vorsitzende des Außenpolitischen Ausschusses des Bundestags, Ruprecht Polenz (CDU), hat sich gegenüber der Zeitung "Welt am Sonntag" für eine Zusammenlegung des NATO-Einsatzes ISAF mit dem von den USA geführten Anti-Terror-Einsatz "Enduring Freedom" ausgesprochen. Die Bundeswehr ist nur an dem ISAF-Einsatz beteiligt. Entwicklungsministerin Heidemarie Wieczorek-Zeul (SPD) lehnt den Vorstoß von Polenz vehement ab, weil aus ihrer Sicht dadurch das Leben deutscher Soldaten gefährdet werden könnte.

"Wer den Auftrag und die Zielsetzung dieser auch in der Wahrnehmung der afghanischen Bevölkerung grundverschiedenen Einsätze vermengt, riskiert, dass unsere Soldaten und zivilen Helfer als Konfliktparteien wahrgenommen werden", warnte Wieczorek-Zeil im Gespräch mit dem Blatt. Vier Jahre nach Beginn ihres Afghanistan-Einsatzes hatte die deutsche Bundeswehr vergangene Woche das Kommando über die ISAF-Friedenstruppen im Norden Afghanistans übernommen. Insgesamt sind rund 2800 deutsche Soldaten in Afghanistan stationiert. Außenminister Frank-Walter Steinmeier (SPD) zeigte sich gegenüber der Zeitschrift "Super-Illu" vom Sonntag besorgt über die jüngste Gewalteskalation in Afghanistan. Dennoch sei nach internen Sicherheitsanalysen "der Einsatz der Bundeswehr im Norden des Landes verantwortbar ist". Eine schnelle Besserung der Lage in Afghanistan sei "realistischerweise nicht in Sicht", sagte Steinmeier. Umso wichtiger sei die Arbeit der Soldaten, Entwicklungshelfer und Diplomaten. (APA/AP/dpa/AFP)

Share if you care.