Wie die Völker singen

9. Juni 2006, 22:04
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Die Bundeswehr kommt bei der WM maximal bei massiven Bedrohungs­szenarien zum Einsatz. Ihr Musikkorps kommt gar nicht

Verteidigungsminister Franz Josef Jung ist enttäuscht. So gerne hätte er zumindest das Musikkorps der Bundeswehr während der Weltmeisterschaft zum Einsatz gebracht. Die aus 22 Orchestern mit mehr als 1100 Musikern bestehende Einheit hat eifrig die Hymnen von 31 Teilnehmerländern einstudiert (die deutsche war geläufig), allein, der Weltverband FIFA wurde zum Spielverderber und verzichtete auf die kostenlosen Auftritte der Soldaten. Die Hymnen kommen vom Band, Hörbeispiele wurden den Nationen zur Absegnung zur Verfügung gestellt. Für die Textierung der höchst unterschiedlichen Stücke müssen Spieler und Fans schon selbst sorgen.

Die Herren Kicker werden also vor den Spielen je nach Charakter inbrünstig grölen, mit Mundbewegungen tonlos andeuten ("ich kann nicht singen, aber ich kann den Text"), vor sich hin summen oder mit grimmigen Mienen das Singen verweigern. Entschuldigt sind die Spanier, denn ihre Hymne kommt ohne Text aus.

Alles in Ordnung

Die "Marcha Real"ist daher nur aufgrund ihres Namens in jene Ordnung zu pressen, die Ulrich Ragozat in seinem kulturgeschichtlichen Lexikon "Die Nationalhymnen der Welt"(Herder, 1981) ersonnen hat. Sie wäre demnach eine Königshymne, ein Preislied auf den Monarchen, wie es die Saudis mit ihrem "Aash Al Maleek"(Lang lebe der König) oder David Beckham und also die Engländer mit ihrem 1745 freilich noch auf einen männlichen Herrscher verfassten "God save the Queen"anzustimmen pflegen.

Eher Unbedenkliches geben auch Kicker von sich, denen eine Ragozat'sche Landeshymne gegeben ist. Sie dürfen zumeist Natur und heimatliche Eigenarten besingen. Ös-terreichs Bundeshymne wäre über weite Strecken ein ideales Beispiel, allein, mangels Qualifikation bleibt den WM-Besuchern dieser Genuss vorenthalten. Sie können sich ersatzweise zum Beispiel an die Männer von der Elfenbeinküste halten, die im "Lied von Abidjan"in ihr Land der Gastfreundschaft laden. Oder noch typischer an die Schweden, die mit "Du alter, Du freier, Du gebirgiger Norden! Du stiller, Du freudenreicher, schöner! Ich grüße Dich, lieblichstes Land der Erde"überzeugen.

Impulsiv, aggressiv

Landeshymnen reinsten Wassers sind aber so selten wie Kicker, die wirklich singen können. Der Grat zwischen besinnlicher Landes- und (laut Ragozat) impulsiv-aggressiver Volkshymne ist ein schmaler, wie die Brasilianer wissen. Als "ein Sonnentraum der seligen Gefilde, vom Meer umrauscht, vom Himmelsblau umblüht"kommt die Heimat der Weltmeister in der "Hino Nacional Brasileiro"daher - allerdings erst in der zweiten Strophe, über deren Text vielleicht nicht alle Spieler gebieten. Zur Sache geht es ohnehin gleich zu Beginn, wenn von einem Heldenvolk das Singen ist, das sein höchstes Glück erzwingt und sich aller Feinde seiner Gleichheit "tapfren Armes"erwehrt.

Im Vergleich zu echten Volkshymnen ist jene der Brasilianer aber ein Kinderlied. So hätte Gastgeber Deutschland, selbst aus gutem Grund auf das friedliche Beschwören der Einigkeit zurückgeworfen, im Eröffnungsspiel den Mannen aus Costa Rica besser nicht zu frech kommen sollen, kündet doch "Noble patria, tu hermosa bandera!"(Nobles Vaterland, dein herrliches Banner!"), davon, dass die Ticos bei Bedarf "mutig und männlich die rohen Werkzeuge gegen Waffen"tauschen.

Bürger Zidane

Andere halten sich mit Drohungen gar nicht erst auf. Die Italiener etwa, laut ihrer "Fratelli d'Italia"(Brüder Italiens) angeblich "seit Jahrhunderten getreten und verlacht", singen beschwingt, dass sie zum Tod bereit sind. Die 1792 komponierte und getextete und drei Jahre später zum Nationallied erklärte Marseillaise schafft auch Bürger Zindédine Zidane an, gegen die die Revolution bedrohenden Fremdheere zu kämpfen. Angolaner marschieren für die "Revolution durch die Macht des Volkes".

Dass die Hymne nur selten über die tatsächliche Verfassung des Landes Auskunft geben kann, liegt auf der Hand. Wie könnte auch die älteste Hymne, der Niederländer "Wilhelmus van Nassouwe", um 1568 erstellt, das leisten? Und kaum einem Polen dürfte es ernst damit sein, wenn er "Was uns fremde Übermacht nahm, werden wir uns mit dem Schwert zurückholen"singt. Selbst Hooligans greifen heute zu anderer Hardware. Und der enttäuschte Verteidigungsminister Jung greift zur CD mit der Einspielung aller 32 Nationalhymnen durch sein Stabsmusikkorps. (DER STANDARD, Printausgabe, Samstag, Sonntag, 10., 11. Juni 2006

Sigi Lützow aus München
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    Der Engländer singt eine Königshymne, eigentlich Königinnenhymne. "God save the Queen" lautete 1745, weil auf einen männlichen Herrscher verfasst, noch anders.

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