Das Kreuz mit dem Ball

13. Juni 2006, 00:03
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Schriftsteller Franzobel fragt sich, worauf die Kugel mit dem Slipein­lagendesign hinaus will

Vielleicht bin ich alterskonservativ, aber für mich soll ein Ball aus schwarzen Fünfecken und weißen Sechsecken bestehen - und nicht aussehen, als wäre er mit Slipeinlagen belegt. Was hat sich Adidas dabei gedacht? Will man mit diesem neuen Binden-Design Fußball als ein geiles Spiel bezeichnen? Oder sich dem Pokal anpassen, der ohnehin verdächtig einem goldenen Penis gleicht. Aber warum Slipeinlagen? Sollen die das Zyklische der WM betonen, die ewige Wiederkehr des Immergleichen, oder eine Rückkehr des Fußballs in den Schoß der Unschuld einläuten? Sind sie Werbung für den Frauenfußball?

Die Kugel, das erkannten schon die alten Griechen, ist die vollkommenste und einheitlichste Figur, weil all ihre Punkte vom Mittelpunkt gleich weit entfernt sind. Also muss auch Gott eine geistige Kugel sein, deren Mittelpunkt überall und deren Umkreis nirgendwo ist. Genau wie ein Fußball.

Ist also der Ball mit dem Slipeinlagendesign ein Steilpass in die Nähe des Fußballgottes zum weiblichen Geschlecht? Schon die Jakobsweg-Pilger gingen im Zeichen der Muschel, die Form mexikanischer Madonnen ähnelt verdächtig dem Querschnitt einer Vagina und das Goldene Tor, durch das der Messias kommen soll, kann doch auch nur das Loch aller Löcher in der tiefsten Tiefe des Raumes sein. Ist nicht Religion trotz aller Scheinheiligkeit immer nahe an der Hingabe? Nahe am Geschlecht? Warum nicht auch die Ersatzreligion Fußball?

Will also Adidas mit diesem dann ganz und gar nicht unrunden Ball den Fußball zur sexuellen Befreiung aufspielen? Soll er die Bindung unter den Fans symbolisieren? Ist der neue WM Ball also eine Auflage, alle Hüllen fallen zu lassen, ein Lochpass für Flitzer und Rudelbumser. Und versteckt sich hinter dem biederen Namen "Teamgeist"ein Appell zum Gruppensex? Oder ist das Slipeinlagendesign nur ein ironischer Seitenhieb, der zeigt, dass auch was daneben, also ins Höschen gehen kann. Soll auf die alten Herren der FIFA angespielt werden? Oder ist das die letzte deutsche Hoffnung, die Wunderwaffe, die den Gegnern Harndrang provoziert?

Aber vielleicht stellen diese schwarz- und goldumrandeten Slipeinlagen auch ganz etwas anderes dar? Weiße Katzenzungen? Ausgehungerte Schneemänner? Platt gemachte Pandabären? Bei Adidas weiß man das nie so genau. Seit der Ball keine Seele mehr hat, also keine künstliche Schweinsblase unter seiner Lederhaut, ist ihm alles zuzutrauen. Eben deshalb bleibe ich bei Bällen konservativ und bin für Fünf- und Sechsecke. (DER STANDARD, Printausgabe, Samstag, Sonntag, 10., 11. Juni 2006)

Franzobel, Schriftsteller und Dramatiker in Wien. Zuletzt: "Der Schwalbenkönig" (Ritter Klagenfurt).

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