Der Schlossnager

11. Juni 2006, 22:56
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Über meinen sympathischen Vater Gerhard und die Buchstaben - von Martin Amanshauser

Als ich begriff, dass mein Vater Gerhard Bücher schrieb, war er mir gleich sympathisch. Es muss sehr früh gewesen sein, 1972 oder 1973, ich war vielleicht vier Jahre alt. Sein Arbeitsablauf leuchtete auch einem Kind ein: Zuerst hämmerte er wochenlang an der Schreibmaschine, später kritzelte er mit schwarzem Kugelschreiber über das Papier, tippte neu, wobei er sich dauernd vertippte und fluchte, doch am Ende erschien - mir gefiel dieses Wort, weil auch die Zauberer, von denen er immer sprach, Dinge erscheinen ließen - ein ordentliches Buch, und im Residenz-Verlag, dessen Chef Schaffler hieß, ich nannte ihn Anschaffler. Es gab Kollegen, den Artmann und den Rosei, sie fuhren meist mit Motorrädern herum, stürzten auf ihren viel zu rasanten Fahrten, weil sie wie die Irren fuhren, und ich malte mir ihre bunten, tiefen Fleischwunden aus.

Ein R im Sonnenlicht

Ursprünglich hielt ich das Schreiben von Büchern für eine Tätigkeit, der die meisten erwachsenen Männer nachgingen, ich misstraute den Büchern aber, denn sie wurden dem einzelnen Buchstaben nicht gerecht. Ich interessierte mich für Buchstaben, seit Gerhard mir welche aus Papier ausgeschnitten hatte - eine meiner ersten Erinnerungen, ein großes, papierenes R, auf das die Sonne scheint. Buchstaben waren wunderschön, in Büchern wurden sie allerdings auf respektlose Art gleichgemacht und angeglichen. Mit diesem Verrat am einzelnen Buchstaben verdiente Gerhard sein Geld. "Verdient er viel Geld?", fragte ich. "Na ja", antwortete man mir, "sehr viel Geld verdient er nicht." Er könnte mehr verdienen, schlug ich vor, wenn er die Buchstaben größer machte. Doch er folgte meinen Ratschlägen nie - Gerhard war damals sehr eigensinnig.

Die Titel seiner Bücher verstand ich alle nicht. Aus dem Leben der Quaden (1968) klang gut, aber wenn ich nachfragte, welche Tiere Quaden waren, schwiegen alle. Bei Der Deserteur (1970) irritierte mich immer, wie Gerhard den Buchstaben Ö, den man in der Aussprache deutlich hörte, grafisch zum Verschwinden gebracht hatte. Ärgernisse eines Zauberers (1973) gefiel mir viel besser, obwohl ich fand, dass ein Zauberer keinen Grund zu Ärgernissen hatte, konnte er doch erscheinen, wann und wo immer er wollte. Ich war fest entschlossen, mich beim nächsten Buch - es handelte von einem Schloss - selbst an der Titeldiskussion zu beteiligen. Gerhard hatte den Text abgeschlossen und brütete nun über einer Liste von fünfzig, wie mir schien, unbrauchbaren Titeln. Mein Vorschlag war: "Der Schlossnager". Was für ein Titel! Und er kam von mir!

Ich erinnere mich jetzt noch an meinen Ärger, als Gerhard überall triumphierend herumerzählte: "Der Martin hat gesagt, wir sollen das Buch ,Der Schlossnager' nennen!" "Nimmst du meinen Titel?", fragte ich voller Hoffnung. Er sagte, das hänge von vielen Faktoren ab. Natürlich wählte er aufgrund dieser Faktoren einen Titel von seiner Liste: Schloss mit späten Gästen (1975). Diese langweilige Wahl empörte mich. Zugegeben, die beiden Ä waren nicht übel. Einen Titel mit zwei Ä, die noch dazu unterschiedlich ausgesprochen wurden, das musste man erst schaffen.

Schnurrbart

Angespornt vom Erfolg seines Romans ließ sich Gerhard einen Schnurrbart wachsen, und auf dem Autorenfoto in Grenzen (1977) tauchte dieser Schnurrbart erstmals in einem Buch auf, was zur Folge hat, dass ich bis heute bei dem Wort "Grenzen" an das Wort "Schnurrbart" denken muss. Der Artmann und der Rosei trugen ebenfalls Schnurrbärte, die in meiner Fantasie bei ihren Motorradstürzen regelmäßig abgerissen oder dreckig wurden.

Gerhard war zum Glück nicht mutig genug für Fahrten auf Motorrädern, nie wäre er wie die Irren gefahren. Beim Schnurrbartbuch Grenzen, aber auch bei Aufzeichnungen einer Sonde (1979) hielt ich mich, noch immer tief gekränkt von der Niederlage meines Schlossnagers gegen die Faktoren, von Titeldiskussionen fern. Erst im Jahr 2001, als Gerhard die Autobiografie seiner Jugend zusammenstellte, kam meine große Stunde: Ich schlug vor, eine der Kapitelüberschriften, Als Barbar im Prater, zum Titel zu erheben, und Gerhard stimmte zu. Wenn ich das Buch sehe oder meinen Vater, denke ich oft, dass auch "Der Schlossnager" gar kein so schlechter Titel gewesen wäre, sei es für seine Biografie, für seinen Roman oder für sein Leben. Aber das sage ich ihm nie. (DER STANDARD Printausgabe, 10./11.06.2006)

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