Vater-Tochter-Stoffwechsel

11. Juni 2006, 22:56
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Ich rief meinen Vater an, das zweite Mal in dieser Woche schon, er lag mit Sommergrippe im Bett - von Linda Stift

An Krankheiten war ich meinem Vater weit voraus. Wir litten unter gleichen oder ähnlichen Symptomen, aber bei mir nahm jede Krankheit einen rascheren Verlauf. Mit der Gelbsucht, die er sich als 25-Jähriger irgendwo eingefangen hatte, kam ich schon auf die Welt. Meine pyramidenförmigen acht Gallensteine, durchgehend in einem matten Elfenbein, konnte ich ihm in einem gläsernen Fläschchen unter die Nase halten, bevor bei ihm ein einziger wachteleiförmiger und -farbiger auf das Spitalnachtkästchen gestellt wurde. Als in seinem Hals ein harmloser Kropf diagnostiziert wurde, hielt ich ihm einen Vortrag über die Funktionsstörungen der Schilddrüse. Und nachdem endlich sein Bronchialasthma als solches erkannt worden war, bekam er den gleichen Asthmaspray verschrieben, den ich schon seit Jahren benutzte. Natürlich besaßen wir beide weder Mandeln noch Blinddarm, und Ohren wie Nasen hatte man uns bereits mehrmals aufgestemmt. Ich litt an einem schweren, nicht korrigierbaren rechten Astigmatismus, mein Vater kaum unter einem leicht behebbaren linken. Oft betrachtete ich im Spiegel und auf neueren Fotos meine Schlupflieder. Seine waren nur 38 Jahre alt geworden, dann wurden sie abgesaugt. Meine sahen auch nicht so aus, als ob sie das 40. Lebensjahr überstehen würden. Unsere vier Menisken waren insgesamt siebenmal (viermal bei mir, dreimal bei ihm) operiert worden, und die Entfernung unserer zahlreichen Granolome geschah abwechselnd, wobei er momentan in Führung lag.

Nur mit einem benignen Lebertumor konnte er nicht aufwarten. Diese spezielle Hyperplasie kam eben nur bei Frauen vor. Ich dachte oft an dieses flache, vier Zentimeter lange Oval, das sich sanft wie ein welkes Herbstblatt auf meine Leber gelegt hatte. Nicht zu spüren und keine Probleme machend, außer der jährlichen Beobachtung durch den Sonographen, oder, wie ich das Gerät für mich nannte, "Sorgo-Graphen".

Ich stellte mir vor, wie die fremden Zellen sich langsam über die Leberzellen gesenkt und festgeklebt hatten. Wie die winzigen Saugfüßchen des Kletterefeus auf der Friedhofsmauer. Ich wusste, dass das so nicht ganz stimmte, dass sich die "fremden" Zellen direkt aus den Leberzellen entwickelt hatten - sie hatten sich eines Tages an einer bestimmten Stelle aufgebläht und dieses Oval gegründet. Aber das erinnerte zu sehr an Krebs. Und da ich mich trotz der verschiedenen medizinischen Fachbücher auf meinem Schreibtisch in der Materie nicht recht auskannte, konnte ich mir das eine genauso gut wie das andere vorstellen.

Immer wieder ließ ich mich dazu verleiten, in eines dieser Werke hineinzuschauen um mit Entsetzen festzustellen, worunter ich litt und was als Nächstes auf mich zukommen könnte. Es gab so viele Krankheiten, von denen man noch nie gehört hatte, illustriert mit fleischfarbenen Fotos, auf denen selbst ein harmloses Ekzem aussah wie eine Gürtelrose.

Ich rief meinen Vater an, das zweite Mal in dieser Woche schon, er lag mit Sommergrippe im Bett. Ich erzählte ihm von meinen letzten Untersuchungen, bei denen man überhöhte Blutzuckerwerte festgestellt hatte. Ich stand noch unter Beobachtung, weil es im Bereich der Grenzwerte lag. Nichts Süßes mehr, dafür Sport betreiben. Denn Diabetes war eine Krankheit, die man nicht unterschätzen durfte und im Extremfall wurden einem die Gliedmaßen (diabetischer Fuß!) amputiert, oder man starb sogar. In zwei Monaten sollte ich wieder zur Blutabnahme. Verschiedene Symptome von unbehandeltem Diabetes mellitus machten mir zu schaffen - Juckreiz, dauernder Durst, allgemeine Lustlosigkeit, lähmende Schwäche.

Mein Vater war nicht sonderlich beunruhigt und fragte mich, was ich am Abend zuvor gegessen hatte und wie spät es gewesen sei. Als ich ihm antwortete, dass ich mit Freunden gegen 22 Uhr in einem mexikanischen Restaurant gegessen (einen Haufen Tacos mit einer Art Schokoladensauce und mehrere Burritos mit reichlich Guacamole) und drei, vier verschiedene Cocktails getrunken hatte, stöhnte er auf. Er erinnerte mich an meinen verlangsamten Stoffwechsel, der es vermutlich nicht geschafft hatte, bis zum Morgen den Körper für die Blutabnahme in einen nüchternen Zustand zu versetzen, und riet mir, doch am Vorabend der Untersuchung einfach nichts zu essen. Er wies mich darauf hin, dass mir erfahrungsgemäß bei schlechten Lebensmitteln oder unverträglichen Nahrungskombinationen immer erst dann übel wurde, wenn sich andere schon längst mit verdorbenem Magen im Bett wälzten, und ich konnte ihm nur zustimmen.

Von meinem Stoffwechsel war mein Vater plötzlich nahtlos zum Verdauungsapparat des Hundes übergegangen, der seit Tagen an Durchfall litt. Und nicht nur das. Ein chronisches Hüftleiden war wieder akut geworden, wahrscheinlich musste nun doch operiert werden. Verschiedene Fachmeinungen hatte er bereits eingeholt, aber alle sagten im Grunde dasselbe. Eine Operation schien unumgänglich.

Aber das war nicht so einfach. Ein Rassehund konnte nicht so ohne Weiteres auf den Operationstisch. Wer weiß, ob er die Narkose vertrug oder ob nicht die Atmung versagte, wo er doch hunderassenbedingt unter ständig verschleimten Nasenschleimhäuten laborierte. Außerdem musste man dafür einiges hinblättern. So ein Hund ist ja nicht krankenversichert, und wenn es sich dann nicht auszahlt und er trotzdem weiterhinkt? Dann ist es vorbei mit Schönheitswettbewerben und Deckungsangeboten.

Um mich abzulenken rief ich nach Beendigung des Telefonates meine Zahnärztin an. Ich brauchte dringend eine Zahnsteinentfernung. Außerdem musste ich mich genauer wegen der Parodontose erkundigen, die in meiner Familie väterlicherseits grassierte. Als meinem Großvater über Nacht alle Zähne ausgefallen waren, war er erst dreiunddreißig gewesen. (DER STANDARD Printausgabe, 10./11.06.2006)

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