Das Protokoll eines Untoten

11. Juni 2006, 16:07
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Pluton: Sebastian Schinnerls beeindruckendes Debüt über Sterben und Verlust

Das ist, unter anderem, ein Roman über eine geschlossene Institution. Etwas vom Zauberberg hat er, wo die Menschen halb freiwillig, halb unfreiwillig ihren Zustand auskosten und dabei die Moderne erfahren und reflektieren. Aber auch etwas von Ken Keseys durch die Verfilmung mit Jack Nicholson berühmt gewordenem Roman Einer flog über das Kuckucksnest, wo die Tyrannei des Pflegepersonals Sinnbild eines quasi-faschistischen Gesellschaftszustands ist.

Wie viele der Figuren im Zauberberg erlebt der fast hundertjährige Investmentbanker Heinrich Sauvegarder seinen abrupten Ruhestand als Stasis, die seine Lebensmöglichkeiten radikal verengt, seine Perspektive und sein Bewusstsein paradoxerweise aber teilweise signifikant erweitert. Der körperliche Verfall geht mit einer zunehmenden Entpersönlichung einher, die ihn immer wieder zur Frage bringt, wer er denn nun eigentlich sei. Der Verlust der Identität ist aber nicht mit dem Verlust des Bewusstseins gleichzusetzen. Vielmehr erfährt der sich verlierende Mensch, der sich nunmehr gleichsam "objektiv" gegenübertreten kann, viel Neues über sich selbst als unbestimmte und instabile Existenz. Der senile Mensch als Protagonist der Postmoderne?

Neben diesem erkenntnisbringenden Verwesungsprozess steht aber auch der Kampf gegen den zynischen Arzt, der sich vor allem um die eigene Tasche und den Ruf der Institution kümmert, und eine Krankenschwester, Frau Rävenstraal, die Nurse Ratched in Keseys Roman um nichts nachsteht. Ist Sauvegarder anfangs der Ausgang noch bei Tragen einer elektronischen Handfessel erlaubt, wird er nach und nach auf den Innenbereich des Heims, sein Zimmer und schließlich sein Bett beschränkt. Es herrscht eine allumfassende Medikalisierung des Lebens, die eine entsprechende Disziplin fordert. Zwar gibt es Widerstandskämpfer in diesem System, und einigen gelingt gegen hohes Lösegeld auch die Flucht. Die meisten jedoch geben auf und suchen ihre Freiheit in geistiger Umnachtung, Zeitreisen und verschiedenen Modi und Graden der Demenz.

Auch Sauvegarder scheint unter dieser mentalen Regression zu leiden, zu der sich noch qualvolle - oder von den Machthabern im Heim doch nur aufgebauschte? - Krankheiten gesellen, und ihn schließlich hinwegraffen. Was das Problem aufwirft, wer denn diesen größtenteils in der ersten Person durch Sauvegarder erzählten Text nun eigentlich verfasst haben soll. Möglicherweise ist es das Protokoll eines Untoten, von denen im Heim mehrere herumgeistern; jedenfalls passt die narrative Unbestimmtheit gut zur Identitätsproblematik, die das Buch thematisiert.

Will man den Roman als Kritik an der schlechten Behandlung alter Menschen lesen, fragt man sich freilich, ob ein fast hundertjähriger, steinreicher und nach eigenem Eingeständnis auch rücksichtsloser Investmentbanker die ideale Heldenfigur ist. Der Luxus, mit dem sich der alte Herr in der teuersten Institution des Typs umgibt, seine Alkoholexzesse mit Weinen um bis zu 6000 Euro die Flasche (das Buch beweist fundierte Kenntnisse zu Rebsorten, Weingütern und Jahrgängen) und mit ebenso exklusiven Zigarren halten das Mitleid des Lesers in engen Grenzen. Auch die witzige Art, in der er seine Lieblingslektüre, die Börsenzeitung (der Roman enthält authentische Texte aus dem Schweizer Wirtschaftsleben), auf seine augenblickliche Situation im Heim bezieht, ist eher skurril denn liebenswert.

Aber da ist noch etwas anderes, Unaufgelöstes in diesem Roman der Andeutungen und Indirektionen: der Verlust der in ein nicht näher spezifiziertes Lager gesperrten (jüdischen?) Eltern, ein nicht bewältigtes Kindheitstrauma, das den Karrieremenschen bis zu seinem Tod verfolgt. So genau der Text die körperliche und mentale Verfassung des Protagonisten dokumentiert - hierin, um noch einen literarischen Vergleich zu ziehen, den verwesenden Romanfiguren Gert Hofmanns ähnlich -, so mysteriös verweigert sich das Buch dem Leser, der nach einem rational nachvollziehbaren Plot sucht. Mag sein, dass dieses gleichzeitig bestürzende und überraschende Debüt des 46-jährigen Vorarlbergers, der als Softwareingenieur in der Schweiz arbeitet, durch die Folgewerke besser dechiffrierbar wird. Bis dahin wird dieser packende Roman seinen Lesern jedenfalls sehr deutlich in Erinnerung bleiben. (ALBUM/DER STANDARD, Printausgabe, 10./11./12.6.2006)

Von Walter Grünzweig
  • Sebastian Schinnerl: "Pluton oder Die letzte Reise ans Meer"Roman. € 21,90/256 Seiten. Residenz, 
St. Pölten, Salzburg 2006
    buchcover: residenzverlag

    Sebastian Schinnerl:
    "Pluton oder Die letzte Reise ans Meer"
    Roman. € 21,90/256 Seiten. Residenz,
    St. Pölten, Salzburg 2006

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