Glut in Apulien

11. Juni 2006, 21:47
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Ein preisgekrönter Familienroman von Laurent Gaudé: "Die Sonne der Scorta"

Als Laurent Gaudé 2004 für seinen Roman Le soleil des Scortas, der nun auf Deutsch vorliegt, den renommiertesten französischen Literaturpreis, den Prix Goncourt, erhielt, trafen bei der Pariser Kritik zwei ästhetische Vorstellungen aufeinander: Es sei an der Zeit, dass handfestes, spannendes wiewohl tiefgründiges Erzählen honoriert werde, meinten die einen; derartige Unterhaltungsprosa grenze ans Triviale, monierten die anderen. Ähnliche Debatten über Werke, die einen Publikumserfolg einheimsen, laufen auch im deutschen Literatursprachraum - und mit dem Ausdruck "Relevanter Realismus", den die Zeit lancierte, ist die Frage des heutigen Kunstbegriffes gerade erst einmal angetippt.

Gelungene Romane vermögen in eine je eigene Welt zu führen. Dies schafft Laurent Gaudé und erschließt eine Landschaft, die außerhalb Italiens kaum poetisch wahrgenommen wurde. "Zweihundert Seiten lang lässt uns Gaudé woanders leben", schrieb L'Humanité. Woanders, das ist ein Ort in Apulien. Montepuccio heißt das weiße Dorf, dessen Häuser sich eng aneinander drängen, auf einem hohen Felsvorsprung, von dem aus gewundene Treppen zum Meer hinunterführen. Das Leben hier ist von der Sonne gezeichnet. Wenn ein Mann an einem Sommermittag über den Dorfplatz geht, bringt ihn die Sonne um den Verstand, noch bevor er den Schatten der Häuser erreicht.

Ihr setzt sich nur einer aus, der fünfzehn Jahre lang im Dunkel des Gefängnisses gesessen hat und auf Rache brennt. An einem Augustmittag 1875 kommt zur heißesten Stunde - "wenn die Eidechsen wünschen, Fische zu sein" - Luciano Mascalzone auf einem Esel nach Montepuccio. Der Reiter ähnelt einem "zu einer archaischen Strafe verurteilten Schatten". Er weiß, dass er zu dieser Zeit niemanden in den Gassen antreffen wird; er weiß, dass er bei Filomena Biscotti, auf die er während der Haft sein ganzes Begehren gerichtet hat, seine Lust befriedigen will; und er weiß, dass man ihn dann töten wird. In seinen letzten Atemzügen muss jedoch der gesteinigte Luciano verstehen, dass sich ihm nicht Filomena, sondern deren Schwester Immacolata hingegeben hat. Und damit, in einer Konzentration aus Glut und Rache, Lust und Wut, Täuschung und stummer Heftigkeit, setzt die Geschichte der Scorta ein, die Gaudé über fünf Generationen in die Gegenwart führt.

Der Sohn, der der unheilvollen Vereinigung entspringt, kann vom Pfarrer nur mit Mühe vor den Dorfbewohnern gerettet werden. Dieser Rocco, der den Namen Scorta annimmt, wächst zum furchtlosesten und gefürchtetsten Banditen heran, der über die Gegend herrscht. Seiner taubstummen Frau macht er zwei Söhne und die Tochter Carmela; als er seinen Tod kommen fühlt, hinterlässt er seinen ganzen Reichtum der Kirche. Die derart in die Armut und auf sich selbst zurückgestoßenen Geschwister wollen in New York ihr Glück machen, wo man sie aber nicht an Land lässt. Sie kehren nach Montepuccio zurück, unter die Sonne und den Schweiß.

Nachdem sie es geschafft haben, die letzten Schulden für ihren Tabakladen zu begleichen, bildet das fünfte von zehn Kapiteln den Höhepunkt des Familienglücks: ein Festessen all der hungrigen Scorta auf einer Fischerplattform über dem Meer. Im sechsten Kapitel reitet, wie im ersten, wieder ein Mann auf einem Esel in Montepuccio ein. Man schreibt August 1946, und der Hagere erinnert die Greise im Dorf an den Banditen Luciano. Diesmal aber erscheint keine Landplage, sondern der neue Pfarrer Don Salvatore. Ihm folgen neue Zeiten, auch für die zwei Söhne von Carmela, die sich des Meeres und der Liebe Wellen ausgeliefert sehen. Die alte Welt wird bestattet; inzwischen ist, kaum genannt, in einem Nebensatz der Tourismus angekommen. Am Ende steht die Frage nach dem Sinn all dieser Bewegungen und Generationenfolgen. "Nichts kann den Hunger der Scorta stillen", flüstert schließlich ein Vater seiner Tochter, der Urenkelin von Rocco, ins Ohr. Der Schande des Ursprungs ist man immerhin entronnen.

Gaudé hat den Roman genau gebaut. Die Darstellung kommt aus der Distanz sowie aus der Nähe, von innen sowie von außen. Nach der breiten Perspektive des Erzählers spricht jeweils am Kapitelende ein Ich. Die alte Carmela aus diesem Clan der "Schweigsamen" und "Sonnenverzehrer" erzählt Don Salvatore die Familiengeheimnisse. Das französische Original hält einen passenden Ton, der scharf an der Kippe zum Sentimentalischen steht; in der nicht immer inspirierten Übersetzung hingegen klingen einige Passagen kitschig. Gaudé bietet keine ausladende Chronik, sondern eine konzentrierte Schilderung, gelegentlich so schroff wie der Landstrich in Süditalien und seine Bewohner, die kaum zum Lauen neigen. Diese Prosa ist plausibel rhythmisiert, wenn sie etwa dem Weg des Banditen aus dem Dorf in seinen Tod folgt und ausdrückt, wie sich die Nachricht von seiner Tat verbreitet, wie sie ihn überholt, wie er eingeholt und gesteinigt wird.

Ein hartes und geliebtes Land, harte und liebende Menschen unter dieser Sonne, die in allem steckt, im Olivenöl, im Likör, in der Haut. Das Dorf und seine Charaktere macht Gaudé anschaulich, die Glut draußen und im Inneren, eine erschreckende Furchtlosigkeit und einen eigenen Überlebenswillen. Menschenschmuggler vermögen ebenso human zu sein wie gute Seelen, die Dorfgemeinschaft kann ebenso grauenhaft handeln wie ein Bandit. Nach der Geburt von Rocco und dem Tod seiner Mutter Immacolata im Wochenbett treten die Nachbarinnen an den Pfarrer heran: "Es sei besser, den Kleinen zu töten, der so oder so durch die falsche Tür ins Leben getreten sei. Deshalb hätten sie natürlicherweise an ihn gedacht, Don Giorgio. Um zu zeigen, dass es nicht um Rache gehe oder ein Verbrechen. Seine Hände seien rein. Er werde diese Missgeburt, die hier nichts verloren hatte, einfach dem Herrn zurückgeben." Zornig stürzt der Pfarrer auf den Platz und brüllt, das ganze Dorf stinke vor Gehässigkeit, und der erwachsene Rocco fällt später über Montepuccio her: "Ich bin eure Strafe".

Die archaisch anmutenden Normen, die Lebens- und Todesanschauungen, Glück und Schande finden sich in Die Sonne der Scorta spannend vermittelt. Offenbar ist hier zu Lande der Familienroman gerade en vogue; Laurent Gaudé bietet eine neue, knappe Variante und versteht es, uns in eine fremde Provinz des Menschen zu versetzen. (ALBUM/DER STANDARD, Printausgabe, 10./11.6.2006)

Von Klaus Zeyringer
  • Laurent Gaudé: "Die Sonne der Scorta"Roman. Aus dem Französischen von Angela Wagner. € 14,90/259 Seiten. Dtv premium, München 2006.
    buchcover: dtv

    Laurent Gaudé:
    "Die Sonne der Scorta"
    Roman. Aus dem Französischen von Angela Wagner. € 14,90/259 Seiten. Dtv premium, München 2006.

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