Reaktionen/ Leserbriefe II: Handke ohne Heine - Heine ohne Handke

9. Juni 2006, 19:38
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...was der Musikwissenschaftler Otto Brusatti an Elfriede Jelineks Stellungnahme auszusetzen hatte u.a.m.

Zwischen diesen beiden Entscheidungen – der der Politik, die Zuerkennung des Heine-Preises an Peter Handke in Frage zu stellen, und der des Autors, auf den Preis zu verzichten – haben uns so viele Briefe, Texte und Stellungnahmen erreicht, dass wir uns entschlossen haben, der – platzmäßig überforderten Print-Redaktion – mit einer Online-Dokumentation der wichtigsten Reaktionen "auszuhelfen":



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Dass Hans Rauscher ("Offene Wahrheiten", STANDARD, 26. 5.) ein gestörtes Verhältnis zu Peter Handke hat, ist schon seit langem klar. Er blieb offensichtlich bei seiner Handke- Lektüre beim "Wunschlosen Unglück" stecken, alles Weitere dürfte ihm zu spröde gewesen sein. So beispielsweise sen Werk "Die Wiederholung" – eine Liebeserklärung an Slowenien, wie sie noch von keinem Autor in nicht slowenischer Sprache verfasst geworden ist.

Und dem schließt sich folgerichtig der Text "Abschied vom Neunten Land" an. Der Schmerz über das Schicksal eines Landes und eines europäischen Staates wird in diesem Buch akzentuiert und gegen die Weltmeinung literarisch manifestiert. Der Vilenica-Preisträger mag und kann seinen Preisverleihern – dem slowenischen Schriftstellerverein – in seinen Sezessionsbestrebungen nicht folgen. Er mag und kann den Zerfall eines blühenden und gedeihenden multikulturellen Staates in Europa nicht begrüßen.

Er mag und kann ökonomische wider kulturelle Interessen nicht aufrechnen. Und er sieht – wenn man ihn nur genau liest – die Opfer beider Seiten: "Eine winterliche Reise", "Noch einmal für Jugoslawien", "Die Tablan von Daimil" – und er mag sie nicht gegeneinander aufrechnen. Es waren der Opfer zu viele und das größte Opfer war der Zerfall Jugoslawiens.

In Milosevic, auf dessen Bestattung er war (und wer will wem verwehren, zu wessen Beistattung zu gehen?) sah er – vielleicht zu Unrecht – einen, der zumindest noch den Versuch gemacht hatte, Jugoslawien als multikulturellen Staat in Europa zu erhalten. Doch unabhängig von politischen Einschätzugen, Beurteilungen etc.: Peter Handke war und ist einer, der auch gegen den mainstream seine Meinung – und auch eine anständige Meinung vertritt, Wie es es vor eineinhalb Jahrhunderten Heinrich Heine getan hat – damals ebenso verpönt von der (deutsch)österreichischen Öffentlichkeit.

Franci Zwitter, Historiker
1030 Wien



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Wer alles plötzlich aus seinem Schrebergartenhäuschen tritt, und sich bemüßigt fühlt, über Peter Handke zu Gericht zu sitzen! Es erstaunt und es erschreckt mich gleichermaßen. Wie es sich plustert! Und welch ein morgendliches Krächzen durch den Zeitungswald! Ich bin dankbar, dass einer den Finger in die Wunde gelegt.

Es stimmt mich traurig, dass die Chance vertan wird, das Schweigen zu durchbrechen, das diesen Landstrich Jugoslawien schein-befriedet und seine Toten demütigt, bevor noch Gras über die Gräber gewachsen. Angesichts dieser unter dem Mäntelchen der Gerechtigkeit stattfindenden Treibjagd auf Peter Handke fehlte nur noch, dass einer daherkäme und sagte: Im Zweifel für den Angeklagten.

Dann entlarvte sich diese moralinsaure Anteilnahme am Schicksal des Vielvölkerstaates endgültig als das, was sie ist: Eitle Selbst- und Nabelschau und Wichtigtuerei!

Ernst M. Binder
Regisseur



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Juroren sind dazu da, so etwas zu entscheiden. Und Es wäre nicht das erste Mal, dass ein Preis dem Falschen verliehen wird. Es gab schon Schlimmeres, sogar als Nobelpreisträger. Davon geht die Welt nicht unter. Dass sich aber die Politik in das Geistesleben einmischt und mit der Euro-Keule eine souveräne Entscheidung einer kulturellen Jury zerschlägt: das stinkt zum Himmel.

Wenn ihre Verfügungsgewalt über diese Gelder unsere Politiker zu solchem quasi-sowjetischen Allmachtswahn verleitet, wäre doch ernsthaft zu überlegen, ob man sie nicht lieber überhaupt abschaffen sollte – die Preisgelder, meine ich. Wer den Heine- oder Büchner- oder gar den Nobelpreis erhält, hat diese Summen i.d.R. nicht mehr nötig. Dieser geringe Verlust würde durch den Gewinn eines echt autonomen, souveränen Kulturlebens bei weitem aufgewogen. Nieder mit den Sowjets!

Hanspeter Rosenlechner
5020 Salzburg



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Peter Handke ist so feinfühlig, dass er alle(s) versteht. Er versteht bloß nicht, worauf es ankommt. Dieses Unverständnis durchzieht auch seine sonstigen Texte. Es gibt Prioritäten, es gibt Hauptsachen und Nebensachen. Vielleicht sollte ihm das einmal jemand, der ihn kennt, erklären.

Dr. Manfred Stepany
4501 Neuhofen



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Die Diskussion schlägt lächerliche Wellen. Die Dichtung budelt sich auf. Die Politik darf nix Politisches sagen. Der serbische Ex-Diktator kriegt täglich eine Ladung an Verzeihung verpasst. Gleichviel. Abreaktionen halt.

Was belustigt und ein bisschen verstört, das ist die (abgeruckte) Meldung der tatsächlich so überaus verehrungswürdigen Frau Jelinek (Standard, 1. 6). Es ist beruhigend: Auch eine Literaturnobelpreisträgerin ist nicht gefeit vor peinlichen Falsch-Zitaten. In einer ziemlich absurden und sprachlich unwürdigen Äußerung zu Beginn ihres 5. Absatzes ("Aber soll nicht mehr drin sein, als das zu bejahen, was allgemein Konsens ist, das was doch nicht zu ändern ist ["glücklich ist, wer vergisst!"], einfach zu übernehmen.") verwendet auch Frau Jelinek, wie viele Leute sonst gern, das Zitat aus dem Libretto zur Operette "Die Fledermaus".

Abgesehen davon, dass es ungenau und unvollständig – halt zum Zweck der Behauptungsuntermalung – wiedergegeben wird, ist es witzig nachzulesen. Die von Frau Jelinek zur Publikumsbeschimpfung bemühte Passage aus dem "Finale I" der Operette stammt nämlich aus folgendem Szenenverlauf:

Der Ehemann ist weg, mit dem Busenfreund angeblich ins Gefängnis, tatsächlich aber zum "Balett-Ratten"-Aufreißen am Weg in eine präsumptive Sex- und Sauf-Orgie. Die zurückgebliebene Ehefrau empfängt umgehend einen Exliebhaber, der es sich sofort in der Wohnung und in der Kleidung des Mannes gemütlich macht und versteckt und dann offen von einer durchzuvögelnden Nacht jubelt. Um sich dafür Mut zu machen, saufen sich beide ihrerseits einmal an. Der dazukommende Gefängnisdirektor stimmt, ebenfalls kampftrinkend, nach Sekunden in den Eskapismus ein, dass man nur glücklich sein kann, wenn man in ein totales Weltvergessen und ein "Scheiß-drauf" verfällt. Wunderbare Musik – zugegeben. Auch ein wunderbarer und realistischer Text (seien wir einmal privatim ehrlich). Aber als Zitatbeweis für einen Jammer-Artikel mit ganz anderer Zielsetzung ausgesprochen unpassend und die Sache irgendwie beleidigend ...

Otto Brusatti
Musikwissenschaftler



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Verfolgt man die Diskussion um den Preis, dann entsteht der Eindruck, dass die Wut über Handke mit dem Grad an Unkenntnis seiner Werke steigt. Denn Handke verteidigt keine blutrünstigen Diktatoren und heißt keinen Völkermord gut, sondern kritisiert die Art, wie die westliche Öffentlichkeit mit dem Balkankonflikt umgeht: Der Überfluss an Information führt zur allzu schnellen Bildung von Grundmustern, zu Schwarz- Weiß-Schemata, die dann den medialen Diskurs auf lange Sicht prägen.

Die Serben waren im Balkankrieg genauso wenig die "Bösen" wie die Kroaten, Bosniaken oder sonst eine ex-jugoslawische Volksgruppe. Handke bezeichnet das in seiner "Winterlichen Reise" als "vorgestanzte Gucklöcher auf die Wirklichkeit", die von den internationalen Medien geschaffen werden. Wer vom – ohne Zweifel schlimmsten – Massaker in Srebrenica spricht, kann dennoch nicht von den anderen Massakern schweigen.

Diese Haltung, nämlich die Ablehnung einer Weltanschauung in Schwarzweiß- Bildern, ist grund-humanistisch und grund-demokratisch. Diese Haltung tut Not angesichts des allgegenwärtigen Zwangs, komplizierte Zusammenhänge in kurzen und einfachen Worten wiederzugeben – und Konfliktparteien zwecks Interpretationsnotstand zwangsläufig in Gut und Böse zu unterteilen.

Handke hätte den Heine-Preis wahrlich verdient.

Joseph Gepp
freier Journalist



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Gott sei Dank ist Peter Handke nicht materiell auf den Heine- Preis angewiesen. Er weiß sich auch selbst gegen die Meute zu helfen. Da ich seine Arbeiten über Jugoslawien und Serbien gelesen habe, kann ich mit gutem Gewissen auf seiner Seite stehen – und zwar nicht aus politischen Gründen.

Franz Stephan Parteder
8020 Graz

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