So lacht das Weltall!

9. Juni 2006, 18:45
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Die US-Alternative-Rock-Helden Flaming Lips gastieren am 30. Juni als Headliner des Festivals "Forestglade" im burgenländischen Wiesen

Schon jetzt begeisterten sie mit ihrer menschenfreundlichen, mild durchgedrehten Psychedelic-Freak-Show in Köln.


Eingedenk einer alten Showbiz-Regel, mit dem Höhepunkt zu starten und dann das Ganze konsequent zu steigern, fängt es an: Unter Konfetti- und Sprühwurst-Regen und Dutzenden in den Saal geblasenen Großraumdisco-Luftballons erklimmen drei Handvoll grüngesichtig maskierte Aliens wie auch rührend unzeitgemäße Weihnachtsmänner als jeweils vor Ort rekrutierte Statisten vor wild flackernder Filmleinwand die Bühne der Kölner Live Music Hall die Bühne.

Sie rütteln sich, sie schütteln sich. Sie werfen tanzend Hemmungen hinter sich. Filmprojektionen künden von einer "wundervollen Erfahrung", die uns gleich bevorsteht. Und es stimmt!

Wayne Coyne, der sympathische 47-jährige Wirrkopf der Flaming Lips aus Oklahoma City, im bald Richtung Sauna durchgeschwitzten, schick abgewrackten Dolce & Gabbana-Anzug streut zu den ersten Klängen dieser multimedial aus allen Kanälen befeuerten Show Konfetti ins Publikum, als gäbe es kein Morgen: "Falls es jemanden gibt, den ihr wirklich liebt, dann sagt es ihm jetzt!" Kleckern gehört nicht zum Handwerk dieser US-Veteranen des Alternative Rock aus 1983.

Die Flaming Lips muss man sich nicht nur live als eine der beeindruckendsten Bands unserer Tage vorstellen. Mit ihrer vom jugendlichen Freak-out-Experiment der ersten Jahre (Psychedelic und Noise treffen Hardcore-Punk) über melodieseligen Gitarrenpoprock in den 90ern bis zum meisterlichen, keyboardlastigen und Pink Floyd in die Schranken weisenden Album The Soft Bulletin aus 1999 und schließlich zu den aktuellen Arbeiten Yoshimi Battles The Pink Robots aus 2002 und heuer At War With The Mystics hat das live zu viert mild durchdrehende Trio mittlerweile einen Karrierehöhepunkt erreicht.

Der lässt, vom Publikum goutiert, zwischen zartbitterer Beach-Boys-Glückseligkeit, hartem Blues-Rock und -Funk im Stile von Led Zeppelin oder manisch-depressivem Weltraum-Pop zwischen Spacemen 3, Silver Apples oder Hawkwind alles und jeden Blödsinn zu, den für allen toxischen Missbrauch offene Geister schon immer zu schätzen wussten. Auf den am Ausgang angebotenen Band-T-Shirts steht in arabischen Schriftzeichen: "Euer Öl kriegen wir auch noch!" Aber vorher nimmt diese Band unsere Seelen als Geiseln.

Der freundliche Spinner Wayne Coyne bestimmt die Geschicke dieser über die Jahre zunehmend weinseligen, sentimentalen, aber auch zornig gegen die Ungerechtigkeit des Weltalls vorrückenden Band nach wie vor uneingeschränkt - und millionenfach erfolgreich. Er hat es sich in den Kopf gesetzt, der Traurigkeit und Verzweiflung des Lebens zumindest für einen Abend lang das heitere Gesicht unschuldigen Spinnertums entgegenzuhalten.

Skelettkostüm

Weitflächige, melancholische und verhallte Keyboard-Melodien ziehen von alten Klassikern wie Race For The Prize über Yoshimi Battles The Pink Robots Pt. 1 & Pt. 2 bis hin zu aktuellen Hits wie dem Mitschunkel-Gassenhauer The Yeah Yeah Yeah Song.

Dazu erzählt Wayne Coyne mit übergroßen Pappmasche-Handschuhen, Nonnen-Handpuppen als Duettpartnerinnen, einer reichlich antiquierten Doppelhals-Gitarre (!!!) und den rumpeligen Riffs des in einem Skelett-Kostüm steckenden Bassisten Michael Ivins zu an Led Zeppelin, Procol Harum oder Syd Barrett erinnernden Sternenfahrten im Kopf nicht nur von imaginären und auf jeden Fall über unseren Verstand hinausreichenden Kämpfen zwischen Gut und Böse in Gestalt besagter Weihnachtsmänner und freundlicher Aliens.

Auch der Tod als zentrales Thema des Endes wie des Übergangs ins Nirwana fährt hier immer mit. Der Tod ist in der Welt dieser während der letzten zweieinhalb Jahrzehnte von schwerem Drogenmissbrauch, organisatorischem Chaos und versuchter Läuterung gerüttelten Band naturgemäß nicht das Ende. Es geht weiter. Es muss weiter gehen!

Am Ende der Show wirft sich die Band zwar zeitlos aktuell in das gute alte und dumpfe Statement War Pigs der britischen Metal-Götter Black Sabbath. Aber Wayne Coyne, der netteste Trauersänger und Durchhalte-Animateur dieses Planeten, hat uns zuvor das Tor zu jenen Sternen geöffnet, auf denen trotz allem Kummer und Leid immer noch die Sonne niemals untergeht. Zum Weinen schön! Gänsehaut zieht auf. Trotz allem kosmischen Gelächter. (DER STANDARD, Printausgabe, 10./11./12.6.2006)

Von Christian Schachinger aus Köln


Flaming Lips live
Fr., 30. 6., ab 13 Uhr
Forestglade Festival
7203 Wiesen
  • Bild nicht mehr verfügbar

    Wayne Coyne von den rührenden US-Psychedelic-Poppern Flaming Lips wird uns auch Ende Juni beim Forestglade-Festival in Wiesen die Hände reichen. X-large.

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