ÖGB fehlen Geld und Mitglieder

13. Juni 2006, 21:24
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Die Gewerkschaft verliert Basis und sucht nach Sparmöglichkeiten - mit Infografik

Wien - Feriendörfer, Hotels, Immobilien: In der Gewerkschaft herrscht notgedrungen so etwas wie Basar-Stimmung. Alles, was verkaufbar ist, steht zur Diskussion - muss doch der ÖGB nach dem Bawag-Vergleich nun die Gewerkschaftsbilanz fertig stellen. Damit diese wenigstens nur hellrot und nicht tiefrot ausfällt, werden Verkäufe überlegt. Die Trennung von Besitztümern fällt der Gewerkschaft schon schwer genug, ein noch größerer Tabubruch ist aber die Trennung von Mitarbeitern. Zwar wird versucht, sich auf die Nicht-Nachbesetzung von Stellen zu konzentrieren - das wird aber nicht reichen, befürchtet ein Teilgewerkschaftsboss: "Wir werden auch über Kündigungen sprechen müssen."

Davor wird aber noch über Pensionsverträge verhandelt: Rund 100 ÖGB-Mitarbeiter haben Einzelverträge, dazu kommen Zusatzpensionsansprüche von rund 1000 ÖGB-Bediensteten. Diese schwierigen Finanzverhandlungen sind auch deshalb notwendig, weil für den ÖGB die Mitglieder mit ihren Beiträgen nunmehr, ohne Bawag-Dividende, die einzige Einnahmequelle sind. Und die Zahl der Mitglieder schrumpft: Schon im Vorjahr, vor dem Bawag-Skandal, verlor die Gewerkschaft exakt 22.512 Mitglieder. Auffällig dabei: Besonders viele Frauen kehrten der Gewerkschaft den Rücken.

Keine exakten Zahlen für heuer

Über die Zahl der Austritte heuer, nach den Kalamitäten um die Bawag, liegen noch keine exakten Zahlen vor. In der ÖGB-Zentrale spricht man von "rund 7000 Austritten" - netto, denn immerhin gebe es ja auch Eintritte. In der größten Teilgewerkschaft, der GPA, erzählt man ebenfalls von "einigen tausend Austritten". Wobei: "Es gibt ja auch viele stille Austritte. Die sagen nichts und zahlen einfach ihren Beitrag nicht mehr." Clemens Schneider, Finanzchef des ÖGB, führt etliche der "stillen Austritte" auf den Wechsel in atypische Beschäftigungsverhältnisse zurück. Exakte Zahlen über die Austritte werden Ende Juli vorliegen.

Aber selbst von den verbliebenen Mitgliedern fließen Beiträge teils spärlich: Der Politologe und Gewerkschaftsexperte Ferdinand Karlhofer rechnet vor, dass "15 bis 20 Prozent der Mitglieder Pensionisten sind." Und die zahlen verminderte Beiträge. (DER STANDARD, Printausgabe 10./11.6.2006)

Von Eva Linsinger
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    grafik: der standard
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