Ex-Premier: "Sehr pessimistisch"

12. Juni 2006, 17:50
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Yilmaz glaubt nicht mehr an EU-Beitritt der Türkei - Brüsseler Kritik an Reformtempo "durchaus berechtigt"

Wien/Hamburg - Der ehemalige türkische Ministerpräsident Mesut Yilmaz sieht selbst langfristig kaum noch Chancen für einen EU-Beitritt seines Landes. In einem Interview mit "Spiegel Online" meinte Yilmaz, die wachsende EU-Kritik am Reform-Tempo in Ankara sei "durchaus berechtigt."

"Sowohl was die Meinungsfreiheit, die Justiz und die religiösen Minderheiten angeht, lassen die Reformen der Regierung unter Recep Tayyip Erdogan zu wünschen übrig", sagte der ehemalige Regierungschef. Erdogan, ein ehemaliger Fundamentalist, sei in seinem Herzen kein Europäer. "Er will vor allem die Kräfteverhältnisse im Land ändern, etwa die Rolle des (als Hüter des Laizisismus geltenden) Militärs begrenzen."

Yilmaz, ein verhementer EU-Befürworter, zeigte sich hinsichtlich eines EU-Beitritt der Türkei "sehr pessimistisch". "Selbst wenn wir alle Bedingungen erfüllen, was uns sehr schwer gemacht wird, heißt es am Ende vielleicht: Dankeschön, aber unsere Aufnahmekapazität ist erfüllt. Oder die Franzosen machen ein Referendum und sagen Nein".

Nur eine Minderheit in Europa wünsche die Türkei als Vollmitglied. Das seien diejenigen, die eine Vision hätten und erkennen würden, "dass eine künftige EU ohne Türkei keine globale Bedeutung" erlangen werde. "Ich glaube, wir fahren in eine große Krise in den Beziehungen zwischen der EU und der Türkei", fügte Yilmaz hinzu. (APA)

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