"Eine große, sehr große Schuld"

7. Juni 2000, 18:37

Es ist nobel und von höchstem humanitären Wert, dass alle Anwesenden auf Initiative von Herrn Generalanwalt Dr. Christian Konrad und des Rotary Clubs Wien Ring durch Erwerb einer Opernkarte zum erhöhten Preis einen bedeutenden finanziellen Beitrag zur Linderung der großen Not für von der Menschheit verlassene Kinder in Rumänien geleistet haben.

In einer Zeit, in der 200 Menschen so viel Geld besitzen wie die Hälfte der gesamten Menschheit, verhungern in Rumänien Kinder auf der Straße. Die Frage, die mich zu dieser tragischen Entwicklung beschäftigt, ist, wieso, warum es so weit kommen konnte.

Wir wissen, dass Rumänien bis 1948, also bis zur gewaltsamen Machtergreifung einer durch die Sowjetunion eingesetzten, kommunistischen Marionettenregierung ein wirtschaftlich und kulturell blühendes Land war. Wir erinnern uns, dass Bukarest "Klein-Paris" und Temesvar "Klein-Wien" genannt wurde. Wir wissen, welche großen Persönlichkeiten der Wissenschaft und der Kunst Rumänien der Welt gegeben hat. Vom Erfinder des Düsenantriebes Coanda und der Ärztin Ana Aslan, die sich als Erste um die Geriatrie verdient gemacht hat, über Tristan Tzara, den ersten Dadaisten, bis Brancusi, Cioran, Ionescu, Eliade bis hin zum großen Musiker George Enescu. Wir wissen, wer aus bessarabischen Gebieten - von Rezzori und Celan bis Eli Wiesel - auch unsere Literatur bereichert hat. Wir wissen aber auch, dass gleich nach Kriegsende durch ein blutiges, Angst und Schrecken verbreitendes Terrorregime die Intellektuellen, die politische Elite der demokratischen Parteien und alle, die Werte und Tradition verkörperten, buchstäblich ausradiert wurden und dass diese Menschen in Internierungs- und Arbeitslagern sowie in mittelalterlichen Gefängnissen ihr Ende fanden. Ceaucescus Regime war die natürliche und voraussehbare Folge.

Das Land und seine Bewohner waren ausgelaugt, einerseits zum Großteil durch den wirtschaflichen Raub der Besatzungsmacht und andererseits auch durch die Willkür der herrschenden Potentaten, die im Land niemand wollte.

Die elternlosen Kinder sind die Folge - eine voraussehbare Folge - dieser Entwicklung. Als Rumänien und die anderen von uns jetzt als "Ostländer" benannten Territorien nach dem Beschluss der drei Großmächte in Teheran und Jalta der sowjetischen Hemisphäre überlassen wurden, wusste man, was aus diesen Ländern und deren Bevölkerung werden würde. Die Hungersnot, die Gulags und die Arbeitslager in Sibirien waren ja schon alle vorhanden und bekannt.

Wäre der Eiserne Vorhang nicht entlang des Neusiedler Sees, sondern bei Wels heruntergefallen, hätten wir heute ein ähnliches Dasein. Dann könnten wir heute nicht Geber sein, sondern wären auch wir Bittsteller.

Wir leisten also heute genauso wenig einen karitativen Akt, wie wir auch keine Almosen verteilen, wenn wir die Menschen dieser Länder in unsere wirtschaftliche Gemeinschaft aufnehmen! Wir haben vielmehr eine große, sehr große Schuld einzulösen gegenüber jenen, welchen es ohne ihr Verschulden und gegen ihren Willen schlechter erging.

Das haben heute viele vergessen, und ich bitte um Ihre Vergebung, wenn ich mir erlaubt habe, an die historische Wahrheit zu erinnern ...

Benefizvorstellung von "Fidelio" zugunsten Casa Austria, gestern Abend in Wien: Ioan Holender nützte seine Begrüßungsrede vor den Förderern der Wohltätigkeitsgala zu einem kleinen historischen Exkurs gegen das Vergessen.
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